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Während Kellner-Namenlos vor den Augen des sensationslüsternen Publikums sein Blut vergoss, stand Meister Wang mit aufgerissenen Augen inmitten des Infernos und sinnierte über den therapeutischen Wert regelmäßigen Katastrophentourismus für die Stabilisierung des eigenen Ichs.

Diese Gelegenheit unbeobachteter Freizügigkeit ließ sich Miezuki nicht entgehen. Rücksichtslos strampelnd schlug er auf dem Weg in die Freiheit eine Schneise der Verwüstung durch die Reste des Festmahls, bis er endlich mit gesträubten Haaren und lautem Jubelgeschrei durch die Eingangstür flog. Offenbar tobte er sich im Vorbeigehen noch an Wus dekadenter Inneneinrichtung aus. Poltern und Jammergeschrei setzten sich jedenfalls eine Zeitlang fort, bevor sie schlussendlich in der Ferne erstarben.

Meister Wang seufzte erleichtert. Das war überstanden! Die kolossale Anspannung entwich seinem Körper, wie der Wind aus einem prallen Ballon. So klang es jedenfalls…

Wu hatte sich mit stark gerötetem Antlitz erschöpft auf seinen blattgoldverzierten Stuhl fallen gelassen und schnaufte wie eine fußkrankes Nilpferd beim Durchqueren der Wüste Gobi. Mai Ling fächelte ihm mit hektischen Bewegungen Luft zu, so dass ihr lebensbedrohlich enges Miederchen noch stärker unter der enormen Last seiner Füllung ächzte.

Bai Lings Hirn schien inzwischen den Stand-by-Modus verlassen zu haben. Wus linksseitiges Konkubinchen schien im wahrsten Sinne des Wortes den Braten gerochen zu haben. Das unterentwickelte Denkorgan hinter ihrer stark gerunzelten Stirn versuchte krampfhaft einen Kausalzusammenhang zwischen Meister Wangs schuldbewusstem Grinsen und dem Amoklauf der zu strikter Diät verdammten Katze herzustellen. Meister Wang setzte reflexartig seine tausendfach erprobte Unschuldsmine auf, die ihm bei Missis Wangs Hang zu turnusmäßigen inquisitorischen Befragungen zahllose Male wichtige Teile seiner Anatomie gerettet hatte.

Letztlich schaffte es Bai Lings überfordertes Zerebrum nicht, eine schlüssige Ursächlichkeit der heimlichen Fütterung Miezukis für den Tobsuchtsanfall und der spontanen Erkenntnis, dass ihn sein Herrchen doch nicht so liebte, herzustellen und strich die Flagge. Vermutlich war es in der genetischen Lotterie bei seinem Anteil an der zur Verfügung stehenden Körpermasse von dekorativeren Körperteilen auf einen der hinteren Plätze verwiesen worden und schmollte seitdem in der typischen, frustrierten Leistungsverweigerungshaltung.

Bai Ling wandte sich nun ebenfalls ihrem heftig schnaufenden Brotherren zu, der immer noch japste wie ein Panda nach 100 Meter Sackhüpfen. Meister Wang grinste erneut – diesmal aber nur innerlich. Das hämische Feixen verging ihm schlagartig, als sich die verfluchte Ente mit einem triumphalem Auftritt in seinen Eingeweiden zurückmeldete…

schnuff

Angesichts dieses körperlichen Affronts ließ Miezuki nun alle Hemmungen fallen und lief in den Resten des Büfetts Amok. Vor Wut kreischend fuhr der tobende Katzen-Berserker herum und zog dem verdutzten Greifer seine manikürten Krallen durch das triumphierende Antlitz.

Kellner Namenlos ließ augenblicklich den Schwanz fahren und schlug sich schreiend die Hände vor das zerfetztes Gesicht. Die heftig und stoßweise zwischen seinen Fingern hervorsprudelnde Blut-Fontäne sorgte bei allen Beteiligten für einen Moment sensationslüsterner Faszination.

Meister Wang hatte sich früher oft gefragt, warum Unglück und Leid von Personen und Tieren, vorzugsweise von beiden gleichzeitig, einen derartig erbauenden Effekt, vergleichbar mit einer Nase schneeweißen Ginsengs, hatten.

Wie so oft hatte Tse Tang die Antwort parat: Der Anblick von verunglückten Verkehrsteilnehmern helfe bei der Stabilisierung des eigenen Ichs. Jeder Gaffer werde sich sofort bewusst, dass es anderen Zeitgenossen noch schlechter geht, als ihm selbst.

Dieses Argument klang überzeugend. Nicht umsonst führte der handkolorierte Bildband „Crash – Die verrücktesten und spektakulärsten Unfälle mit Eselkarren“ seit Jahrzehnten in immer neuen Auflagen die offizielle kaiserliche Bestsellerliste an. Die subtile Kombination aus Komödie und Horror kam beim Publikum an und verwies selbst Tse Tangs zahllose Selbstmanagment- und Lebensratgeber für Männer auf die Plätze.

Auch Meister Wang fühlte sich nach seinen regelmäßigen Ausflügen zur berüchtigten „Sänftenschikane“ – einen vielbefahrenen Kreuzungspunkt konkurrierender Fahrt- und Lebenswege, ausgeglichen, beschwingt und euphorisch. Ein schlechtes Gewissen hatte er nicht. Immerhin hatte der große Tse Tang höchstpersönlich jedem verheirateten Mann aus therapeutischen Gründen den regelmäßigen Katastrophentourismus in den nachmittäglichen Berufsverkehr empfohlen. Leider hielt die Wirkung der Stabilisierung des eigenen Ichs nie lange an. Dafür war Missis Wang einfach zu fett.

Miezuki seufzte schwer. Der messerscharfe Flambierspieß, der verhängnisvoll glitzernd aus dem toten Esel ragte, hatte ihn dann doch nicht augenblicklich durchbohrt wie es der rasende Pfeil des Jägers mit einem papierdünnen Pandakälbchen machen würde.

Seinen appetitgesegneten Ahnen sei dank, verfügte Miezuki über ein natürlich gewachsenes Polster aus schützendem Hüftspeck, der sich mehr oder weniger gleichmäßig über seinen gesamten Körper verteilte.

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Obwohl Miezuki beim morgendlichen Blick in den Spiegel immer insgeheim davon ausging, dass es doch nur fest sitzendes Wasser sei, das sich schon seit geraumer Zeit aus dem einstmals so bescheidenen Rettungsring befreit hatte, blieb letztlich doch immer der Rest eines nagenden Zweifels. Zweifel, die Herrchen Wu und seine Lakaien nicht teilten, wenn sie ihn mit lautem Hau-Ruck von der Waage stemmten. Die Konsequenz war ein Speiseplan, der einem Asketen mit Nahrungsmittelallergie alle Ehre gemacht hätte…

Wasser oder nicht, sein elastischer Körperpanzer hatte ihn jedenfalls vor dem Schlimmsten bewahrt. Wiedergeborene zeigen ja in der Regel ausgeprägte Symptome einer „Jetzt-wird-alles-anders-Mentalität“ und schwören sich jede Menge gute Vorsätze, während sie nervös zitternd zur Zigarette greifen.

Miezuki schwor sich zur Feier seines unerwarteten Weiterlebens in Zukunft auf jegliche Diät zu verzichten. Doch das nächste Verhängnis wartete nicht darauf, bis es dran war. Kellner Namenlos hatte sich in der Zwischenzeit bis auf Schlagdistanz genähert. Während Miezuki noch verschämt von dem Spieß kletterte, wie ein Igel von der Toilettenbürste, packte Wus Faktotum unbarmherzig zu.

Doch der Lakai hatte die Rechnung ohne die adrenalingedopte Katze gemacht. Nach dem intensiven Bad in der knusprigen Kükensoße glitt ihm der gut eingefettete Kater mit einem lauten „Schlurrp“ zwischen den Fingern hindurch. Diesen Move hätte dem ungelenken Miezuki trotz des Übermaßes an natürlicher Gleitcreme niemand zugetraut.

Meister Wang, der dem wilden Treiben immer noch fassungslos zuschaute, war dennoch nicht überrascht. Er kannte diese geschmeidige Akrobatik von den beiden Sumo-Ringerinnen Schnusi und Lotussi, die sich jeden Dienstag zu fortgeschrittener Stunde leicht geschürzt und eng umschlungen in seinem Lieblingsetablissement in lauwarmen Olivenöl wälzten.

Doch wie in Meister Wangs Lieblingsetablissment hatte auch hier jede Wurst, sei sie auch noch so elastisch, ein dickes Ende. Kurz bevor ihm Miezuki auf Nimmerwiedersehen entglitt, bekam Kellner Namenlos das Ende des buschigen Schwanzes in dem zangenartigen Griff seiner gastronomiegestählten Hände zu packen.

Miezukis kurzes Leben zog noch einmal an seinem inneren Auge vorbei. Was er im Zeitraffer sah, war nicht nur trostlos, sondern letztlich auch erschreckender als jeder Flambierspieß. Kurzentschlossen riss Miezuki seine Augen wieder auf und wünschte sich inbrünstig, er hätte am Morgen sein über alles geliebtes Katzenklo aus angewärmtem Alabaster nie verlassen.

Tse Tang hatte beim Verfassen seines Standardwerks zur Haustierpflege (Mein Freund die Katz´) sicher nicht an Miezuki gedacht. Hätte ihn der alte Katzenversteher gekannt, er hätte die berühmten letzten Zeilen, ein anerkanntes Meisterwerk klassisch-konfuzianischer Poesie, dem todgeweihten Kater gewidmet:

“Dein Leben war kurz,
Dein Leben war schön,
Deine Zeit hier ist nun verronnen,
Eil´ Dich mein Freund,
die Fütterung im Himmel hat soeben begonnen.”

Die Zeit war um! Miezuki prallte wie ein aus großer Höhe fallender Kartoffelsack mit ausgebreiteten Armen und Beinen auf den messerscharfen Spieß. Ein gequälter Seufzer entrang sich seinem gepeinigten Körper. Eine letzte Träne ergoss sich aus seinen traurigen Augen, die er Sekundenbruchteile vor der Harpunierung dann doch noch fest zusammengekniffen hatte. Miezuki hatte das Ende seines Weges erreicht. Jahre der Mühsal und Pein lagen nun hinter ihm.

Dennoch verspürte er keine Schmerzen. Im Gegenteil, eine gewisse Leichtigkeit machte sich breit. Für einen Moment wollte er schweben, aber wie seit Jahren, hielt ihn dann doch etwas auf dem Boden fest. Der beleibte Kater hob vorsichtig das rechte Augenlid und betrachtete neugierig seine Umgebung.

Sofort machte sich Enttäuschung breit. Statt eines üppigen Willkommenssnacks, erblickte er die bereits weitgehend abgeerntete Festtafel. Statt des freundlichen Empfangspersonals an der Himmelspforte tobte Wu immer noch im Hintergrund und auch das dekadente Ambiente glich um ein Haar dem seines Herrchens. Was war geschehen?

Während sich Mai Ling noch lasziv in der dekadenten Dekoration wand und Meister Wang sein starkes Verlangen unterdrückte, sich an einer besonders empfindlichen Stelle zu kratzen, hatte sich der Tisch in ein Schlachtfeld verwandelt, in dessen geometrischem Zentrum Miezuki kreischend in einer voluminösen Schüssel zappelte, die bis zum Rand mit ofenfrischem Bratenfett aus gepresstem Kükensaft gefüllt war.

Der kaiserliche Beamte Wu, eben noch damit beschäftigt, die Hetzjagd der anwesenden Dienerschaft auf sein entweichendes Haustier mittels laut gebrüllter Anweisungen zu koordinieren, war urplötzlich zur Salzsäule erstarrt. Wild gestikulierend, hatte ihm die klatschende Soßenkaskade, der Mai Ling unter Aufgabe von Gleichgewicht und letzter Hemmungen, gerade noch entgangen war, einen Strich durch eine Choreographie gemacht, die seine vorhergehende Darbietung der konfuzianischen Drachenkampfoper noch in den Schatten stellte. Der Effekt plötzlichen Stillstands trat so abrupt ein wie die Bremsung Miezukis auf der marmornen Tischplatte. Zur Besinnung kommend wischte sich Wu hustend und prustend den Bratensoßenüberzug aus den zugekniffenen Äuglein und von den feisten Bäckchen, nicht jedoch ohne sich dabei immer wieder genüsslich seine dicken Fingerchen zu lecken.

Im Gegensatz zu Meister Wang, der sich angesichts Mai Lings Vorstellung wie ein Teilnehmer auf einem Gynäkologenseminar gefühlt hätte, wäre der Begriff bereits erfunden worden, war Wu die zeigefreudige Vorstellung seines rechtsseitigen Konkubinchens komplett entgangen.

Während sich Mai Ling verschämt kichernd aufraffte und die verrutschten Elemente ihrer Ausrüstung an passende Stellen rückte, hatte Miezuki es endlich geschafft, den randvollen Soßennapf zu verlassen. Im Grunde genommen hatte das papierdünne Porzellan dem Druck urplötzlich nachgegeben und Miezuki surfte jubilierend auf einer gigantischen Woge knuspriger Kükensoße an den Resten von gebratenen Hamstern und gegarten Eulen vorbei in die Freiheit, bis ihn der Rest des flambierten Esels, vielmehr der aus dessen Überresten ragende messerscharfe Spieß, einen fatalen Strich durch die Rechnung machte.

Meister Wang und die Entstehung des Feng-Shuis: Staffel 2 – Teil 1

Miezuki flog laut kreischend in hohem Bogen davon. Sein wuchtiger Einschlag inmitten des Büffets war nicht nur sehenswert, sondern widerlegte auch die volkstümliche Legende, wonach eine Katze immer auf ihren Pfoten lande.

Eigentlich waren Miezukis Pfoten der letzte Körperteil, der auf dem marmornen Tableau aufschlug. Meister Wang erinnerte die ungelenke Eintauchphase – Kopf voran in den Prozellanwald aus halb geleertem Geschirr – an die lustigen Springer, die alljährlich im örtlichen Freibad vom Vier-Meter-Dach des Bademeister-Pavillons ihre scheinbar tölpelhaften Künste zeigten. Wobei hier zwar von Tölpelhaftigkeit, aber mangels nachgiebigem Untergrund nicht von Eintauchen die Rede sein konnte.

Meister Wang hatte erst letzte Woche fasziniert beobachtet, wie ein blindes Hörnchen mit Gehstock beim Überqueren der Straße von einem rasenden Ochsenkarren überfahren wurde. Das Geräusch, das Miezukis aufgeblähtem Körper durch die schlagartige Bremsung auf dem Eintauchhorizont der ziselierten Marmorplatte entwich, glich dem des platzenden Nagers, war allerdings deutlich intensiver.

Bevor Meister Wang über weitere akustische Ähnlichkeiten zu Geräuschen sinnieren konnte, die Missis Wang entwichen, wenn sie sich allabendlich mit einem jäh erwachten, apokalyptischem Kuschelbedürfnis derart schwungvoll in ihre Matratzen fallen ließ, dass er seine scheintote Fötalhaltung am äußersten Rand der anderen Bettseite nur unter Einsatz fortgeschrittener Techniken aus Tse Tsangs kleiner Mediationsfibel (“Chakra, Nada Brahma, Latihan und Pustekuchen – Atmen für Profis”) aufrechterhalten konnte, fesselte ein anderes Geschehen seine ungeteilte Aufmerksamkeit.

Angesichts des durch Miezukis massiven Einschlag verursachten Artilleriebeschusses duckte sich Mai Ling im letzten Augenblick unter den geschnetzelten Resten verschiedensten Federviehs und einer anschwappenden Soßenkaskade hinweg, stolperte dabei jedoch mit ihren hochhackigen Hufeisen rückwärts über eine der ausgestopften Mastdoggen.

Die Schwerkraft und die im Dekolleté nur unzureichend gesicherte Schwungmasse taten ihr Übriges. Wus ebenso stark geschminkte, wie eng geschnürte Gespielin plumpste mit einem hochfrequenten Quieken breitbeinig in ein kunstvolles Arrangement vergoldeter Bonsais.

Angesichts dieser Einblicke schwor sich Meister Wang, für alle Fälle in Zukunft niemals im Minirock und ohne Unterwäsche aus blickdichter Haspelseide auszugehen.

Endlich! Meister Wang – die Geschichte über die Entstehung des Feng Shui geht in die nächste Runde. Die zweite Staffel bietet nicht nur Antworten auf lang gehegte Fragen der menschlichen Existenz, sondern auch

“… währenddessen hatte sich der Tisch in ein Schlachtfeld verwandelt, in dessen Mitte Miezuki kreischend in einer voluminösen Schüssel heißen Bratenfetts schwamm.”

“Namenloser Kellner schlug sich schreiend die Hände vor sein zerfetztes Gesicht. Die zwischen seinen Fingern kräftig hervorsprudelnde Blutfontaine sorgte bei allen Beteiligten für einen Moment abgelenkter Faszination …”

“… Na endlich! Mai Lings hauteng geschnürtes Miederchen gab unter dem zuletzt übermächtig gewordenen Druck nach und platzte mit einem befreienden Geräusch … “

” … die Welt will betrogen werden. Man kann auch mit Pseudowissenschaften genug Geld verdienen. Das sagte jedenfalls Meister Wangs Astrologe ständig.”

“… der Meister pratzte ab, dass das Haus in seinen Grundfesten bebte. Während Meister Wang zutiefst erleichtert nach der Rolle Reispapier griff, stieg nackte Panik in seinem Hirn auf. Was hatte er getan? Wus alabasternes WC war auf lange Zeit hoffnungslos kontaminiert …”

” … Frauen sind wie ein Elefant. Man schaut ihn gerne an, aber besitzen will man ihn nicht. Keine Frau erfüllte diese goldene Regel Tse Tangs mehr mit Leben, als Missis Wang, wenn man das Anschauen weg ließ …”

Meister Wang und die Entstehung des Feng-Shuis: Teil 20

Miezuki

Miezuki war kein stolzes Tier. Meist schleppte er seinen voluminösen Körper nur schwer atmend durch das Haus und versuchte nicht aufzufallen. Sein kurzes Leben diente nur einem Zweck: Das Ansehen seines Herrchens zu mehren. Er war ein Sklave seiner Züchtung, ein Opfer seines Stammbaums, der Luxus seines Herrn. Ein lebender Einrichtungsgegenstand – voller Stolz präsentiert, gelitten, aber nicht geliebt.

Die Dienerschaft empfand ihn als Last, ja verachtete ihn geradezu. Ein unnützer Esser mehr. Oft genug ließen ihn ihre Ablehnung spüren, schlugen ihm die Türen vor der empfindlichen Nase zu oder traten ihm scheinbar versehentlich auf den ebenso empfindlichen Schwanz, wenn sich Miezuki wieder einmal faul auf der sonnigen Terrasse oder auf einem der plüschigen Teppiche des Hauses von den Strapazen seines Daseins ausruhte. Mit regelmäßiger Boshaftigkeit vergaßen sie es, sein Alabaster-Klo zu reinigen und frisches Katzenstreu auszulegen. An all diese kleinen Demütigungen des Alltags hatte er sich gewöhnt, nahm sie seufzend hin. Nein, Miezuki war kein stolzes Tier.

Er hasste die Diäten, die ihm verordnet wurde, um die Nachteile der Züchtung auszugleichen. Viel zu oft schlich er sich hungrig in die Küche und fraß von den kümmerlichen Brosamen, die bei der Zubereitung von Wus legendären Fressgelagen auf den schmutzigen Boden fielen und mit dem Besen in eine Ecke gekehrt wurden. Er hasste sich dafür, aber der Drang, seinen unstillbaren Hunger zu befriedigen, zwang ihn dazu, seine Selbstachtung zu vergessen und wie eine gemeine Hausratte von den Abfällen des Wohlstands zu leben. Oft verkroch er sich in seine geliebte, warme Ecke in der dunklen Besenkammer und weinte bitterliche Tränen. Dann sehnte er sich danach, von seinem Herrchen einfach in die Arme genommen und gestreichelt zu werden. Ein paar freundliche Worte zu hören, um dann sanft zu dessen Füßen einzuschlafen.

Miezuki

Miezuki kannte Tse Tsang, den Älteren nicht, aber als dieser sein populäres Alterswerk über Haustierhaltung „Dein Freund die Katz´“ geschrieben hatte, musste er vor seinem geistigen Auge eine Vision gehabt haben, die Miezuki glich. Wahrscheinlich hatte er dabei ebenfalls lange und ausdauernd geweint.

Manchmal wollte Miezuki frei sein, frei wie die Katzen auf der Straße. Frei von allen Zwängen, frei, das zu tun, was er gerade tun wollte. Er wollte fressen was er wollte und wann er es wollte. Er wollte mit den anderen Katzen toben, Katzendamen den Hof machen und mit ihnen anschließend die eine oder andere Ferkelei praktizieren. Gleichzeitig schreckte er vor einem Dasein ohne soziales Sicherungsnetz, ohne geregelten Tagesablauf, ohne fest installierte Toilette und vor allem ohne feste Mahlzeiten zurück. Nein, dafür war er nicht geschaffen. Ganz zu schweigen von seiner mangelnden Fitness. Er schaffte es ja nicht einmal, ohne Herzrasen von seiner gut gepolsterten Schlafstätte am anderen Ende des Hauses ins Speisezimmer zu watscheln und sein hoher Blutdruck verbot ihm ohnehin jegliche sexuelle Eskapaden.

Aber nach dem schmerzhaften Tritt seines Herrchens, an das er sich in der Stunde größter Pein hilfesuchend gewandt hatte, entdeckte er den Stolz seiner wilden Vorfahren wieder. Adrenalin schoss durch seine Adern und ließ ihn alle Schmerzen und das weiche Gefühl in den Muskeln vergessen.

Miezuki

Miezuki kreischte durchdringend und ging mit allen Vieren in die Luft. Er sprang Wu an, wie das mythische Kaninchen des Todes. Nicht so schnell, aber dank der zehnfachen Masse, ungemein wuchtig. Die langen Krallen bohrten sich durch die Kleidung in den Bauch seines Herrchens. Wu quiekte erschreckt auf.

War der Raum bereits zuvor ein Unruheherd gewesen, verwandelte er sich nun von einem Moment auf den anderen in ein Tollhaus. Miezuki und Wu kreischten im Chor. Bai Ling rief mit piepsiger Stimme lautstark um Hilfe. Mai Ling und Namenloser-Kellner eilten herbei, packten Miezuki an den heftig strampelnden Hinterläufen und versuchten die angedockte Katze, die sich in von einem Moment auf den anderen, in eine reißende Bestie verwandelt hatte, von ihrem Herrn und Meister loszureißen.

Meister Wang konnte nicht glauben, welche beachtliche Länge ein beleibter Kater aus kaiserlicher Aufzucht erreichen konnte, wenn man nur an ihm kräftig zog. Erstaunlich auch, wie sich ein gut gepolsterter Wohlstandsbauch verformen konnte, wenn sich eine wütende Katze mit rasender Todesverachtung daran klammert. Letztlich galten aber auch hier die Gesetze der Physik, wonach alles eine Grenze hat, wenn man nur kräftig genug zupackt…

Meister Wang und die Entstehung des Feng-Shuis: Teil 19

Mittlerweile dämmerte den Anwesenden, dass Wus Vorstellung einer anderen Choreographie folgte, als dem klassischen Drehbuch der populären Oper. Im Gegensatz zu Konfuzius, der nach getaner Arbeit üblicherweise seinen Ranzen vom Boden klaubte und sich gemächlich pfeifend auf den Weg ins Büro macht, setzte Wu nicht nur seinen ekstatischen Auftritt fort, sondern steigerte sogar dessen Intensität. Der Farbton des Gesichts wechselte von blau zu violett, die Augen quollen noch weiter aus den Höhlen, die herausgestreckte Zunge erreichte beinahe den Teller mit den Resten der geschnetzelten Eule süß-sauer.

Affe

Mit letzter Kraft griff Wu mit der Rechten in einen nahen Soßentopf und malte ein krakeliges Schriftzeichen auf das geblümte Tischtuch. Mai Ling und Bai Ling beugten sich neugierig vor. Meister Wang konnte förmlich sehen, wie ihre kleinen Gehirnchen nach mehreren vergeblichen Startversuchen des Anlassers ansprangen und versuchten, das kryptische Zeichen, bei dem es sich offenbar um das bekannte „Gefräßiger Affe verschluckt sich an Banane fällt vom Baum und wird von einem eiligen Eselskarren überfahren“ handelte, mit dem verwirrenden Geschehen der letzten Minuten in Einklang zu bringen.

Schlagartig wurde dem leicht geschürzten Duo klar, dass Wu keine Zugabe folgen ließ, sondern ernsthaft drohte, gleich dem Affen an einer Cocktailkirsche zu verenden und anschließend von einem Eselskarren überrollt zu werden. Mai Ling und Bai Ling kreischten erschreckt auf und begannen Wu mit weitausholenden Fäustchen auf den Rücken zu schlagen. Die straff gespannten Miederchen, die prall gefüllten Zwangsjäckchen glichen, die mehrere Gänge Kochwäsche hinter sich hatten, drohten unter der heftigen Überbeanspruchung zu platzen.

Dekollete

Trotz aller Bemühungen blieb die erhoffte Wirkung aus. Wus Zappeln wurde schwächer. Verzweifelt griff Mai Ling zum letzten Mittel, einer nahe liegenden Soßenkelle aus massiv geschmiedetem Eisen. Der nun folgende wuchtige Schlag zwischen die Schulterblätter des kaiserlichen Beamten hätte nicht nur Affe und Esel gleichzeitig zur Strecke gebracht, auch der offizielle kaiserliche Gongschläger wäre vor Neid erblasst. Wu wurde förmlich nach vorn katapultiert. Die verfluchte Kirsche verließ den Hals wie ein Geschoss und traf Kellner-Namenlos an einer empfindlichen Stelle. Während der arme Kerl mit schmerzverzerrtem Gesicht aufheulte, sank Wu erschöpft und schwer atmend auf seinen Stuhl und ließ sich von seinen vor Freude über die gelungene Rettung schluchzenden Begleiterinnen den Schweiß von der Stirn tupfen.

Die Ruhepause währte nicht lange. Urplötzlich sprang Wu auf und suchte erbost nach dem Verursacher des Dramas. Er entdeckte ihn unter dem Tisch. Wutentbrannt versetzte er Miezuki, der sich zu einem hilflosen Ball, bei dem man noch weniger erkennen konnte, wo vorn und hinten war, zusammengerollt hatte, einen heftigen Tritt mit dem Fuß.

Offenbar weckte diese rüde Behandlung den Stolz des adligen Tieres. Getreu der alten Weisheit Tse Tsangs: „Wenn die Klugen immer nachgeben, sind alsbald die Dummen an der Macht“, entschloss sich Miezuki zur Vergeltung.

Katze blickt grimmig

Schlagartig verlor das klägliche Mauzen seinen jammernden Unterton und glich dem Fauchen eines brünftigen Pandas. Meister Wang zuckte zusammen. Dieses Geräusch kannte er nur zu gut. Wu schien die tödliche Gefahr, in der er schwebte, nicht wahrzunehmen, schließlich kannte er Missis Wang nicht.

Meister Wang und die Entstehung des Feng-Shuis: Teil 18

Meister Wang hatte mal auf dem Markt einen Kugelfisch gesehen, der sich voll Wasser pumpte, bis er einem glotzäugigen Ball glich, der kurz vor dem Platzen stand. Der kleine Fisch musste sich zwar mit seiner Performance deutlich der von Missis Wang geschlagen geben, aber wenn es um die Plätze auf dem Siegertreppchen ging, wurde er in diesem Moment eben von Wu überholt, der nun noch einen drauflegte. Seine wedelnden Arme und die Mimik erinnerten frappierend an die allseits bekannte Pantomime aus der populären chinesischer Oper „Konfuzius kämpft gegen den Drachen und geht danach pünktlich zur Arbeit“.

Drache

Wu zeigte eine virtuose Körperbeherrschung. Die weitausholenden Flügelschläge mit den Armen, der rhythmisch im Takt der stampfenden Füße wogende Bauch, das hilflose Krächzen, selbst die obligatorischen Fratzen mit der herausgestreckten Zunge, alles hatte ein wahrlich meisterliches Niveau. Nicht zuletzt Wus allmählich blau werdendes Gesicht atmete Perfektion. Man konnte sich ungemein plastisch vorstellen, wie der große Meister den Drachen nach gnadenlosem Ringen erbarmungslos würgte, bis dieser schließlich kapitulierte.

Meister Wang konnte mit den abstrakten Aufführungen des modernen Avantgarde-Theaters, in denen die Darsteller viel zu häufig unbekleidet ins Publikum sprangen und mit stinkenden Fischen und anderen ungewöhnlichen Requisiten hantierten, nicht viel anfangen. Die dabei aufkommenden Emotionen – Scham, Peinlichkeit, Ekel, Übelkeit – erlebte er auch zu Hause.

Avantgarde-Theater

Aber hier, hier wohnte er einer Vorstellung im klassischen Stile bei, bei der die hoch stilisierte Mimik und Gestik, vor allem die Ärmelgesten, nur von Eingeweihten zu verstehen sind. Lediglich die übliche akustische Untermalung, bei der im Hintergrund eine Gruppe von volltrunkenen Autisten im 12/9-Takt auf viersaitige Mondgitarren (Yueqin), Trommeln, Becken, Glocken und andere Zimbeln schlägt, fehlte.

Meister Wang war versucht Beifall zu klatschen. Selbst der namenlose Kellner, der gerade den Raum mit einem Tablett voller Kirschblütentörtchen betreten hatte, erstarrte ob der spontanen Vorstellung seines Herrn zu ehrfürchtigem Staunen. Lediglich Wus immer verzweifelter werdendes Krächzen ruinierte dann doch noch eine fehlerfreie Performance.

Verzweifeltes Kätzchchen

Nicht alle Anwesenden konnten das Schauspiel genießen. Miezuki hatte sich angesichts des Gemetzels zwischen Konfuzius und dem Drachen, das plötzlich vor seinen Augen anhub, panisch mit allen drei Pfoten an das nächstbeste Tischbein gekrallt. Mit der vierten hielt er sich verängstigt die Augen zu. Hin und wieder lugte er zitternd durch seine gespreizten Krallen auf das dem Höhepunkt entgegen strebende Bühnenwerk. Offenbar ging er nur selten in die Oper.

Meister Wang und die Entstehung des Feng-Shuis: Teil 17

Miezuki streckt sich nach oben

Miezuki fraß!

Wu kam zum allgegenwärtigen Thema des Mauerbaus an der Grenze zu den Barbaren – Meister Wang wünschte sich seit längerem so eine Befestigungslinie in seinem Schlafzimmer – und ermutigte Wang die gegarten Fledermausflügel zu probieren.

Miezuki fraß!

Wu redete über die neuesten Trends am kaiserlichen Immobilienmarkt und riss an dem flambierten Esel. Die Katze fraß!

Wu schöpfte Meister Wang eigenhändig eine Kelle delikater Soße aus handgepresstem Kükensaft und legte noch eine rohe Zwiebel oben drauf.

Die unersättliche Katze fraß weiter.

Meister Wang nickte, grunzte, schmatzte und kaute demonstrativ, während er tatsächlich eifrig den Futterfahrstuhl bediente, der Miezuki mit Nachschub versorgte. Wu war nicht entgangen, dass Wang dem üppigen Mahl plötzlich mit gieriger Entschlossenheit zusprach und kalorientechnisch aufholte. Der kaiserliche Beamte hatte endlich einen würdigen Gegner gefunden. Er grunzte zufrieden. Wang konnte trotz seiner Beschwerden, die nun bereits nach einem starken Abführmittel verlangten, nur milde lächeln, als Wu ihn erneut zum Fressduell forderte.

Handgepresster Kükensaft mit Zwiebel

Wu hatte keine Ahnung, dass er tatsächlich gegen seine eigene Katze antrat und mit dem hartnäckigen Vierbeiner um die Wette fraß. Obwohl Miezuki später mit dem Mahl begonnen hatte, schnitt er nicht schlecht ab, wenn man die gefressene Nahrungsmenge pro Kilo Körpergewicht zugrunde legte. Im Gegenteil. Danach hatte Miezuki sein Herrchen bereits vor ca. fünf Minuten überholt und arbeitete nun eifrig am Ausbau seines Vorsprungs.

Aber auch die schier endlose Kapazität der Katze hatte Grenzen. Vielleicht verdarb das Quartett geschnetzelter Eulen süß-sauer Miezuki letztlich den Appetit. Vielleicht war es auch das Pfund Delikatessmaden gewesen, die die Neigung hatten, im Magen auf dreifache Größe anzuschwellen. Jedenfalls schien Miezuki satt zu sein und bekundete das Ende seines Menüs mit einem kläglichen Mauzen. Schwankend erhob er sich und setzte zu einem ausgedehnten Verdauungsspaziergang an. Die unsicheren Schritte glichen denen eines Kalbes, das gerade laufen lernt. Er kam nicht weit.

Ein eigenartiges Geräusch ertönte aus dem über die zulässige Grenze hinaus aufgeblähten Körper. Es klang wie ein prall aufgeblasener Luftballon, der plötzlich losgelassen wird und wild flatternd durchs Zimmer schießt.

Wu ließ sich von dem apokalyptischen Geräusch unter der Tischplatte nicht stören. Er reagierte auch dann nicht, als sich der Kater mit schmerzverzerrtem Gesicht hilfesuchend an seinem Bein rieb. Wu schob sein verzweifeltes Haustier nur beiläufig mit dem Fuß weg.

Buddha aus Marmor

Eine derartige Behandlung war das adlige Tier offenbar nicht gewohnt und miaute äußerst ungnädig, bevor es erneut hilfeheischend die Nähe seines Herrchens suchte. Miezuki jammerte dabei so stark, dass selbst Buddha eine meditative Pause eingelegt und den Kopf aus der Tür seines stillen Örtchens gesteckt hätte, um nachzusehen, wer da gerade sterben muss. Wu verzog dagegen nur das Gesicht und reagierte nicht. Von einer Katze ließ er sich doch nicht beim Essen stören!

Nachdem alles Jammern umsonst war, verlor Miezuki kurzerhand die Geduld. Mit einem ärgerlichen Fauchen hieb er seinem Herrchen die ausgefahrenen Krallen in den Unterschenkel. Wu, der eben einen schirmchengeschmückten Porzellanbecher mit Reisschnaps vor dem Hals hatte, schrak angesichts dieser unerwarteten Attacke zusammen und verschluckte sich an der Cocktail-Kirsche. Die Schale flog in hohem Bogen über die Festtafel. Mai-Ling und Bai-Ling, beide mit einem Kilo Vanillepudding beschäftigt, quiekten erschreckt im Duett, als sich der Reisschnaps über sie ergoss.

Miezumi schaut nach rechts oben

Meister Wang hatte keine Augen für einen Wet-T-Shirt-Contest, da Wu ruckartig aufsprang und nach Luft rang, als wollte er eine öffentliche Rede an das Wahlvolk halten.


Es geht weiter mit:

Teil 18: Der Kugelfisch oder Konfuzius kämpft gegen den Drachen und geht danach pünktlich zur Arbeit

Meister Wang und die Entstehung des Feng-Shuis: Teil 16

Meister Wang war gerettet. Insgeheim dankte er allen Göttern des Sheng-Fui-Universums, dass ihm sein blinder Kammerdiener am Morgen neben dem Paar warmer Lieblingssocken aus herrlich plüschiger Häschenwolle auch seinen blau-silbernen Flanierkaftan herausgelegt hatte.

Kaftan

Das extravagante Kleidungsstück besaß nicht nur eine unglaublich großzügig bemessene Taille in modern ausladender Faßform, sondern genauso unglaublich weit geschnittene Ärmel. Darin hätte sogar der knusprig-flambierte Esel Platz, den die Bediensteten soeben mit vereinten Kräften herein wuchteten.

Für einen Moment vergaß Meister Wang die in seinem Bauch tobende Ente und kicherte leise vor sich hin. In seinen geräumigen Ärmeltanks konnte er all die aufdringlichen Leckereien in handlichen Kilopaketen heimlich verschwinden lassen, nachdem er sie sich zuvor scheinbar gierig zum Mund geführt hatte. Einen lässigen Armschwung später würde sich eine Etage tiefer Wus verfressene Luxuskatze gierig darüber hermachen. Heftiges Schmatzen und rücksichtsloses Alibikauen sollte seine kleine Gaukelei abrunden.

Miezuki

Angesichts dieses vielversprechenden Plans steigerte sich Wangs Kichern zu einem euphorischen Grunzen. Was war er doch für ein Ausbund an Klugheit. Sogar Missis Wang wäre stolz auf ihn, wenn er ihr beim abendlichen Appell im Schlafzimmer stolz von seiner Heldentat erzählen würde. Missis Wang hätte vielleicht sogar ein paar lobende Worte für ihn, wenn sie dafür zwischen zwei Bissen ihres mehrgängigen Einschlafbuffets Zeit finden würde. Die offensichtlichen Parallelen zwischen seiner Frau und Miezuki brachten ihn abrupt zurück in das Hier und Jetzt. Zunächst musste er die überaus beleibte, verfressene Katze auf Mülleimerentfernung heranlocken.

Miezuki hatte sich auf halben Weg zwischen Eingang und Festtafel auf sein gut gepolstertes Hinterteil niedergelassen und warf einen desinteressierten, scheinbar gelangweilten Blick auf das heftige Treiben an Wus Tafelrunde. Der buschige Schwanz, der sich erwartungsvoll von einer Seite zur anderen bewegte, verriet jedoch seine tatsächlichen Intentionen. Der glibbrige Sabber, der dem Kater aus den Mundwinkeln troff, hatte bereits eine glänzende Pfütze hinterlassen. Miezuki wollte keinen bescheidenen Imbiss aus Nahrungsergänzungsstoffen zu sich nehmen. Miezuki wollte fressen, wie der sagenumwobene neunköpfige Affe der Apokalypse.

Während Wu zwischen zwei Häppchen des flambierten Esels von der Gründung einer kaiserlichen Nachttopfmanufaktur berichtete, die sich anschickte, den Markt mit der Auslieferung von Porzellantöpfen zu revolutionieren, lockte Wang Miezuki unter dem Tisch mit dem Rest der Entenkeule, die ihn zuvor fast ins Unglück gestürzt hätte.

Miezuki

Es funktionierte! Miezuki richtete einen hypnotisierten, sehnsüchtigen Blick auf den lockenden Köder. Die kleine Nase zuckte im Bratenwind. Miezuki hatte die Witterung der delikaten Stopfleberente aufgenommen.

Während Wu von den Porzellannachttöpfen, so genannten Ei-Po-Dies schwafelte, die in Kürze die bislang allgegenwärtigen Holzgeschirre mit traditionellem Blümchenmuster verdrängen sollten, hatte es Meister Wang geschafft. Miezuki pirschte sich scheinbar unbemerkt an die feiste Keule der Pekingente heran. Eigentlich schob er sich mit den Hinterfüßen, Kopf auf dem Boden, Hinterteil nach oben, über das goldziselierte Parkett des Speisezimmers, während er hektisch mit den Augen seine unbeobachtete Fortbewegung absicherte. Ein praller, fellgenähter Kartoffelsack, der schildkrötengleich zum rettenden Meer strebt.

Miezuki hatte die begehrte Entenkeule mit kurzen Verschnaufpausen fast erreicht. Meister Wang konnte bereits das Kleingedruckte auf dem Halsband entziffern: „Nicht füttern! Strikte Diät!“

Wang zuckte mit den Schultern. Sei´s drum. Wie bereits Tse Tsang der Ältere schrieb:

Jeder denkt nur an sich, nur ich nicht, ich denk an mich.

Aus der Nähe glich Miezuki noch mehr einem voluminösen Fellsack. Wang war zufrieden. Im geräumigen Innern des mopsgesichtigen Katers schien auf jeden Fall genug Platz für den Küchenoutput der nächsten Stunde zu sein.

Meister Wang und die Entstehung des Feng-Shuis: Teil 15

Tse-Tang der Ältere:

Der Würgereiz ist der Schwippschwager des inneren Schweinehunds. Hat man beide erstmal im Griff, steht der Zukunft nichts mehr im Weg!

Bisher hatte Meister Wang dem heftigen Würgereiz widerstanden. Kein Wunder, immerhin teilte er sich seit Jahren ein Schlafgemach mit Missis Wang. Jawohl, er hatte eine harte Schule durchlaufen und kannte den Ekel in all seinen zahllosen Manifestationen.

Angesichts der handgemästeten Stopfleberente süß-sauer hatte er jedoch für einen endlosen Moment das Gefühl, der geschnetzelte Artgenosse in seinem Magen stecke den Kopf durch Speiseröhre und Hals, um mal schnell nach dem Wetter zu sehen.

Hühnerfüße

Wu schien Wangs hervorquellende Augen und sein unterdrücktes Gurgeln für pure Fressgier zu halten und schnalzte laut mit der Zunge. Der kaiserliche Beamte rollte lustig mit den Augen, als er Wang auf die wie von Zauberhand erschienene Schüssel aufmerksam machte, die bis zum Rand mit den abgetrennten Extremitäten einer ganzen Hühnerfarm gefüllt war. „Probieren Sie unbedingt auch davon, verehrter Meister!“ Wus befehlsgewohnte Stimme duldete keinen Wiederspruch.

Meister Wang war verloren, er bekam keinen Bissen mehr herunter, jeder noch so zaghafte Versuch würde unvermittelt in die Katastrophe führen. Er war versucht, mit der Ausrede, sein Strumpfband habe sich gelockert, für einen gesegneten Augenblick unter den Tisch zu kriechen und die dreimal verfluchte Ente samt Kräutersoße in die Freiheit zu entlassen.

Aber Konfuzius hatte recht, als er einst in seinem Standardwerk für Glückskekse schrieb: „Wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“ In letzter Sekunde erschien Meister Wang die Rettung, besser gesagt, sie watschelte auf vier Pfoten durch die prunkvoll verzierte Schwingtür des Speisesaals.

Katze

Eine behäbige, überproportional beleibte Katze stolzierte mit erhobenem Haupt, ohne die Anwesenden auch nur eines Blickes zu würdigen, in Richtung des heftig tobenden Banketts. Dabei zog sie einen massigen Schwanz von beachtlicher Buschigkeit hinter sich her.

Meister Wang lugte aus den Augenwinkeln auf das im Fell versteckte, kunstvolle Halsband des Neuankömmlings. Riesige Schriftzeichen verrieten Namen und Geblüt des hochherrschaftlichen Tiers: Miezuki der III.

Wang war beeindruckt. Das mopsartige Tier stammte aus der berühmten kaiserlichen Katzenzschmiede. Dort versuchte man seit Jahren, den langhaarigen Biestern, die man einst aus Persien importiert hatte, das Fell weg zu züchten, damit sie auch im feucht-warmen Klima Siams gedeihen konnten. Bislang ohne Erfolg.

Meister Wang hasste Katzen. Eigentlich hatte er nichts gegen sie. Tse-Tangs Spätwerk über Haustierpflege „Dein Freund, die Katz´“ gehörte neben den „Acht Trigramme im Selbstbau“ zur Pflichtlektüre in jeder traditionellen Sheng-Fui-Schule. Meister Wang hatte regelmäßig geweint, als er das herzergreifende Buch als junger Bursche gelesen hatte. Nein, er hatte wahrlich nichts gegen Katzen. Jedenfalls nicht solange, bis sich Missis Wang eine zum Kuscheln zugelegt hatte.

Miezuki leckt sich die Pfoten

Ein hinterlistiges und übellauniges Vieh; verschlagen, faul und verfressen. Mit der Zeit war es immer fetter geworden und würgte mit regelmäßiger Häufigkeit widerliche Haarbällchen aus. Meister Wang stutzte. Erstaunlich, wie sehr das Tier doch seinem Frauchen glich.

Aber hier, hier dankte er allen Göttern für die Lösung seines aktuellen Entenproblems.

Meister Wang und die Entstehung des Feng-Shuis: Teil 14

Meister Wang suchte verzweifelt nach einem Ausweg.Chinesisches Essen

Wus Kellnerkompanie tischte in Windeseile alle Leckereien auf, die die weitläufige Speisekammer ihres Herrn und Meisters zu bieten hatte. Eine emsige Ameisenarmee, die nur darauf wartete, den freiwerdenden Platz an der riesigen Tafel unverzüglich mit neuen Leckerbissen aus Buddhas himmlischem Garstüblein zu füllen.

Wu hatte derweil lauthals lachend mit weitschweifigen Erzählungen aus der kaiserlichen Anekdotenschmiede begonnen, während seine elfenbeinernen Essstäbchen wie Baggerschaufeln in einem Steinbruch der altägyptischen Pharaonen arbeiteten.

Erstaunlich, dass ein Mann wie ein Wasserfall reden und gleichzeitig Nahrungsmengen vertilgen konnte, die jeden koreanischen Hufschmied beschämt hätten. Zwischendurch fand er noch die Zeit, seine ihn beidseitig flankierenden Konkubinen, die sich ebenfalls laut schmatzend durch die Speisefolge arbeiteten, väterlich auf die bestrapsten Schenkel zu tätscheln und Meister Wang lautstark schnaufend zu ermuntern, von den zahllosen Köstlichkeiten zu probieren, die bereits auf der kreisrunden Festtafel mit den Ausmaßen einer überdimensionierten Hochzeitsjurte ihren Platz gefunden hatten. Von allen gleichzeitig!

Obwohl Wang sein bescheiden-gieriges Antlitz aufgesetzt hatte, konnte er die überschäumende Begeisterung des kaiserlichen Beamten nicht teilen.

Yakbulle

In seinem Bauch tobte „Mao’s“ Ente mit zunehmendem Ungestüm. Wahrscheinlich hatte es der Schlachter mit dem Zusatz „gut abgehangen“ etwas übertrieben, bevor das Tier am „Himmlischen Entenspieß“ gelandet war. Vielleicht nahm ihm die Ente auch nur die scharf gewürzte Kräutersoße aus dem letztwöchigen Aufguss übel, jedenfalls rumorte, tobte und gärte es in seinen Innereien, wie in einer tibetanischen Yakbullen-Mastanlage zur Fütterungszeit.

Apropos Yakbulle: Als Wu des nächsten Gerichts ansichtig wurde, ließ er ein anerkennendes Grunzen hören. Auch Wang konnte sich nicht erinnern, jemals ein so großes Gehänge an einem lebenden Exemplar gesehen zu haben.

Hier wurde allerdings keine Zeit verschwendet. Während Wang immer noch verschämt auf einem Bissen von etwas kaute, das einst der freischwingende Stolz eines langhaarigen Hochlandochsen gewesen war, rollte bereits die nächste Angriffswelle heran.

Meister Wang hatte jedoch im Gegensatz zu Wu und seinen freizügigen Honigtöpfchen – die er insgeheim Mai Ling und Bai Ling getauft hatte – keine Augen für das Dutzend flambierter Böcke der mongolischen Wüstenrennmaus. Vor seinem geistigen Auge erschien unvermittelt das Bild seiner geliebten Wärmflasche.

Wu vertilgte einstweilen ein ausgefallenes Arrangement knuspriger Schneeleopardenbiskuits in zarter Bambussprossensuppe. Wang dachte an Vitalpilze, Bachblüten und Heilsteine.

Panda

Wu begeisterte sich an einem Sixpack Frühlingsrollen, gefüllt mit würzigen Delikatessmaden. Wang dachte an Kamillentee und Abführmittel.

Wu klatschte in die Hände, als die nächste Delikatesse herein gewuchtet wurde. „Panda im Schlafrock“: Süße kleine Pandababies, die noch teilweise in ihren schwarz-weißen Fellchen steckten. Man konnte noch erahnen, wie die lieben Kleinen durch das Bambuswäldchen tollten, bevor sie Bekanntschaft mit der Keule des Jägers gemacht hatten. In Erinnerung an glücklichere Stunden hatte ihnen der Koch liebevoll ein Stückchen Bambusrohr in die lächelnden Mäulchen geschoben.

Wang nuckelte nur verschämt an einer feisten Windhundkeule und tat so, als lauschte er Wus unerschöpflichem Anekdotenvorrat. Am liebsten wäre er aufgesprungen und der verwünschten Ente, die seine Innereien unsicher machte, mit armlangen Akkupunkturnadeln zu Leibe gerückt.

Da wurde das nächste Gericht auf goldgewirktem Porzellan hereingebracht: Ente süß-sauer. Meister Wang erstarrte…

Meister Wang und die Entstehung des Feng-Shuis: Teil 13

Meister Wang war verdammt! Wie es sich für einen Mann von Rang mit repräsentativer Stadtvilla und eigener Sänfte gehörte, ließ Wu auch einen kleinen morgendlichen Begrüßungsimbiss für seinen ehrenwerten Besucher zu einem apokalyptischen Festmahl verkommen. Traditionell zeigte man auch im alten China aller Welt, was man hatte und Wu hatte in jedem Fall genug davon.

Zunächst schien er begierig zu sein, dem stadtbekannten Meister der Innenarchitektur die Leistungsfähigkeit seiner feudalen Großküche mit angeschlossener Speisekammer, die in ihrer monumentalen Umfänglichkeit jedem mongolischem Gourmetrestaurant zur Ehre gereicht hätte, zu zeigen.

Chinaessen

Wang fühlte sich geschmeichelt. Unter anderen Umständen hätte er seine Dritten in die Köstlichkeiten geschlagen, bis die Haftcreme den Dienst versagte. Er hätte mit Wu um die Wette getafelt, um an dem unvermeidlichen Würgereiz in bester chinesischer Tradition durch eiliges Hinunterschlingen schnell noch ein halbes Schwein vorbei zu schmuggeln.

Aber das Schicksal war gegen ihn. Wang verfluchte die vermaledeite Ente im Fladenbrot nebst Kräutersoße, die er sich als bescheidenen Appetitanreger auf dem Weg zur reich gedeckten Beamtentafel gegönnt hatte.

Mittlerweile drückte und zwickte es in der Magengegend, als ob Missis Wang sich des Nachts wieder auf das bescheidene Fünftel des Bettes gewälzt hatte, auf dem er seinen Träumen nachhing. Nun gut, Wang verspürte noch keine vergleichbaren Todesängste, aber der Drang, sich zu einer kleinen, unscheinbaren Kugel zusammenzukrümmen und Augen und Ohren in der Hoffnung zu schließen, das Schicksal möge noch einmal gnädig mit ihm verfahren, war durchaus vorhanden.

Bulldogge

Zu allem Überfluss ertönte urplötzlich ein verdächtiges Gluckern aus seinen Eingeweiden. Es klang, als ob die dreimal verfluchte Ente tief in seinem Bauch einen Badewannenstöpsel gefunden und kurzerhand gezogen hätte.

Angesichts dieser Misere war Meister Wang versucht,das prachtvoll dekorierte Esszimmer und die reich gedeckte Tafel, aus dem bereits die Vorsuppe aus gepressten Schildkrötenembryos vor sich hin dampfte, zu ignorieren und lediglich einen magenschonenden Tee zu ordern.

Aber Wu würde tödlich beleidigt sein, wenn sich sein Gast derart bescheiden zeigte. Beide würden ihr Gesicht verlieren und das Geschäft würde platzen. Mai Ling und Bai Ling schielten angesichts seines gebremsten Enthusiasmusses schon ganz misstrauisch zu ihm hinüber.

Nein, Meister Wang hatte keine Wahl, er musste sich durch das Büfett fressen, wie der neunköpfige Affe der Apokalypse. Komme was wolle, hier mussten Opfer gebracht werden und Meister Wang war durch jahrelange häusliche Übung an Schmerzen jeglicher Art gewöhnt.
Um alle Zweifel zu zerstreuen, ließ er, einem Kung-Fu-Kampfschrei vergleichbar, einen lauten und erwartungsvollen Rülpser ertönen.

Meister Wang und die Entstehung des Feng-Shuis: Teil 12

Wu eilte, flankiert von zwei blutjungen Dienerinnen, von der anderen Seite der Halle auf ihn zu. Der kaiserliche Beamte hatte mit seiner prunkvollen Kleidung im bunten Pekingstil, der jetzt offenbar am Hofe modern war, und dem monumentalen Bauch, der es durchaus mit Meister Wangs Vorbau aufnehmen konnte, ein äußerst ehrfurchtgebietendes Auftreten.Auf dem untersetzten Körper thronte das von einem weißen Bart eingerahmte Gesicht mit weit ausladenden Hängebäckchen, einer offenbar vom exzessiven Genuss des feinsten Fusels rotgefärbten Nase und kleinen, verträumten Schweinsäuglein. Seine Erscheinung erinnerte frappierend an die unzähligen Konfuzius-Bildchen, die auf den zahllosen Märkten des Landes für die heimischen Ikonenpinwände verkauft wurden.

Konfuzius

Wang grüßte den erhabenen Wu durch eine tiefe Verbeugung, die ihm angesichts seines Bauches, in dem „Mao´s“ Ente immer vergnügter ihre Runden drehte, ein leises Ächzen abrang.

Nach den einleitenden Worten wollte Wu den traditionellen Small-Talk bei einem bescheidenen Begrüßungsimbiss fortsetzen. Mit einem leichten Klatschen der Hände bedeutete er seinen Begleiterinnen die nötigen Vorbereitungen zu treffen.

Bei dem Duo der Freude handelte es sich offenbar um mehr als gewöhnliche Zugehfrauen mit repräsentativer Stellenbeschreibung. Das Erscheinungsbild ließ jedenfalls keinen anderen Schluss zu. Laszives Makup und zwei Dekoltees, die unter dem dahinter herrschendem Druck schon teilweise kapituliert hatten, trafen auf schwarze Strümpfe aus feinster Netzseide. Wang stutzte. Hatte er da eines der verruchten Zungenpiercings aus Jade erhascht? Tatsächlich!

Wus väterlich-lüsterner Tonfall nebst seiner zweideutigen Wortwahl, mit dem er die beiden zeigefreudigen Lotusblüten auf die Reise ins Speisezimmer schickte, um den obligatorischen Tee zu bereiten, räumte den letzten Rest eines Zweifels aus. Das Duo der Freude kicherte scheinbar schamhaft mit niedergeschlagenen Augenlidern hinter vorgehaltenen Händen und stöckelte davon.

Dienerinnen

Wang seufzte unhörbar. Schon Tse Tang der Ältere warnte davor, den eigenen Kalligraphiepinsel in die Haustinte zu tauchen. Nicht, dass er viel auf diese ohnehin nur mündlich überlieferte Regel des Altmeisters gab.

Der Altmeister hatte schon zu Lebzeiten mit seinem Kumpel Lao Tse – ebenfalls im Nebenberuf zu seiner Tätigkeit als klassischer Regelschmied ein notorischer Beziehungsluftikus – richtig krachen lassen und galt jahrelang als Schrecken aller Schwiegermütter.

Ein wesentlich scherwiegender Grund hielt ihn von derlei Eskapaden ab: Missis Wang. Das untrügliche Gespür seiner Angetrauten für derartige Zerstreuungen wurde nur noch von ihrem Gewicht übertroffen.

Dabei bekam Meister Wang immer sofort rote Bäckchen, wenn er an all die jungen und emsigen Bienchen in seinen Diensten dachte, die in ihren viel zu kurzen Röckchen und knappen Miederchen, auf ihren kleinen, anmutigen Füßchen mit wackelnden Hinterteilchen durch die Kämmerchen und Vorzimmerchen seines bescheidenen Häuschens trippelten, um mit ihren Staubwedelchen jedes noch so kleine Körnchen und Schmutzpartikelchen hinweg zu fegen, bevor es seine Aufmerksamkeit beleidigte. Die anmutigen Häschen, die stets, wenn er ihnen begegnete, ehrfurchtsvoll die mandelförmigen Äuglein niederschlugen und nur verschämt sein voluminöses Wohlstandsbäuchlein musterten.

Aber die Strafe für einen unvorsichtigen Fehlgebrauch seines „Kalligraphiepinselchens“, wie Missis Wang ihn immer repektlos bezeichnete, würde furchtbar sein. Ein kaltes Schäuderchen lief über Meister Wangs Rücken. Energisch wischte er das Häppchen Sabber, das ihm aus seinem lüstern verzogenen Mundwinkeln gelaufen war, mit dem weit geschnitten Ärmelchen seines reich bestickten Ausgangsgewandes ab. Solcherart Freuden waren ihm in den eigenen vier Wänden leider verwehrt!

Hier wehte allerdings ein anderer Wind. Offensichtlich hatte Missis Wu nichts gegen die gepiercten Konkubinchen ihres beneidenswerten Mannes einzuwenden.

Der Neid fördert den Hang zur Nachahmung. Wie so oft wünschte sich Wang in diesem Augenblick nichts sehnlicher, als weniger Yin & Yang und dafür mehr Mai Ling und Bai Ling…

Meister Wang und die Entstehung des Feng-Shuis: Teil 11

TürklopferNun galt es! Meister Wang betätigte den bronzenen Metallklopfer an der kunstvoll mit goldenen Drachen verzierten Flügeltür aus edel gemasertem Massivholz, an der sich auch noch in hundert Jahren jeder Holzwurm die Zähne ausbeißen würde. Es ging doch nichts über wert- und zeitbeständige Edelhölzer aus dem Regenwald!

Unverzüglich erschien ein Bediensteter und gewährte ihm mit einer tiefen Verbeugung Einlass in Wus Stadtvilla. Meister Wang ignorierte das Faktotum (lat.: fac totum = mache alles), als er des Eingangsraumes, um nicht zu sagen der Eingangshalle, ansichtig wurde. Diese war in der Tat äußerst beeindruckend.

Die zahlreichen, schwarz-weißen Panda-Felle, einige davon so klein und niedlich, dass man noch die schnuckligen Baby-Pandas erahnen konnte, die sie einst getragen hatten, kontrastierten reizvoll mit dem grün-blauen Marmorboden und den prunkvollen Vasen aus hauchdünnem Porzellan, die so filigran gefertigt waren, dass sie nur von Kinderhand stammen konnten.

Marmor-Schildkröte

Tiefrote Stoffbespannungen an den Decken und Wänden treffen auf feine goldene Drachenjünglinge, die als Figuren aus den Ecken der eingelegten Deckenkassetten speien und die lang gestreckte Hals- und Kopfpartie einer Schildkrötenstatue aus Marmor, seit jeher ein machtvolles Potenzsymbol, leider sündhaft teuer, wenn man das natürliche Vorbild kleingerieben in der Apotheke zur Libidosteigerung erwirbt.

Die ausgestopften Mastdoggen mit ihren goldenen Ketten zu beiden Seiten des Raumes verströmten einen eindeutig dekadenten Charme, den man in keiner gediegenen Mittelstandswohnung fand. Das gesamte Ambiente war schillernd, exzentrisch, bizarr und anspielungsreich. Der Realität gewordene Inbegriff des sozial schädlichen Abweichens von einer natürlichen und allgemein üblichen Lebensform!

Jeden Sheng-Fui-Harmonieexperten, selbst den Pförtner der örtlichen Geomantievereinigung würde unverzüglich der Schlag treffen, wenn er dieser versammelten Frevel an der klassischen Lehre ansichtig würde. Meister Wang jedoch stand nur andächtig staunend vor dieser verschwenderischen Pracht. Lediglich das stärker werdende Druckgefühl in der Gegend seines Magens setzte einen quälenden Kontrapunkt.

Meister Wang und die Entstehung des Feng-Shuis: Teil 10

Maos himmlischer EntenspießWährend Meister Wang am Reispapier vorbei herzhaft in Fladenbrot und gegrillte Ente biss, so dass die Soßenmischung in alle Richtungen spritzte, warf er beim Gehen noch einen Blick auf das rot-goldene Namensschild der Imbissbude: „Mao´s himmlischer Entenspieß“. Das zugehörige Bild zeigte eine lächelnde Ente, die vergnügt in einer Schüssel Kräutersoße schwamm.Wang schüttelte den Kopf. Der Gebrauch des Deppenapostrophs in den Genitivkonstruktionen der städtischen Imbissbuden nahm wirklich inflationäre Züge an. Was soll´s, ihn sollte es nicht kümmern. Der Pöbel sucht sich nicht nur seine eigenen Statussymbole, sondern stets auch eine eigene Zeichensprache. Das wussten bereits die alten Sheng-Fui-Meister, die regelmäßig in ihren Schriften darauf hinwiesen, dass der falsche Gebrauch des Apostrophs zwar schlechtes Qi bedeutet, aber andererseits auch eine effektive Methode darstellt, um die richtigen Kunden mit der passenden Botschaft anzulocken.
Die darin versteckte, aber überaus wirksame Botschaft lautet: Ich bin einer von Euch, ich spreche Eure Sprache, hier gibt es billiges Essen!
Wie Tse-Tang, der Ältere einst schreib:

Man sollte nie die Sogwirkung unterschätzen, die von der Verbindung eines Allerweltnamens, wie Lu, Ding, Dong oder Rudi mit einem falsch gesetzten Apostroph auf die potentielle Kundschaft ausgeht.

Meister Wang erreichte Wus Residenz. Die verbleibenden Bissen hatte er auf den letzten Metern hastig herunter geschlungen. Vielleicht etwas zu hastig. Sein Magen grummelte. Angesichts des Umfangs von „Mao´s“ Fladenente konnte das schwerlich Resthunger sein. Wenn doch: Wu hatte sicher einen kleinen Begrüßungsimbiss vorbereiten lassen. Vielleicht würde sich Meister Wang aber auf einen Kamillentee beschränken. Der Tee würde die unselige Kräutersoße neutralisieren.

Wus Palast

Meister Wang bestaunte die protzige Fassade des riesigen Anwesens mit angeschlossenem Lustgarten und den vielen kleinen Durchgangszimmern im sonnendurchfluteten Erdgeschoss.
Wu hatte die repräsentative Immobilie in bester Lage erworben, nachdem das Anwesen monatelang leer stand. Kein Wunder bei dem Preis plus Maklergebühr und Grunderwerbssteuer.

Kurz darauf hatte Wu beschlossen, seine Eigentumsresidenz umgehend umzugestalten. Natürlich hatte er den örtlichen Sheng-Fui-Meister mit den Planungen dafür beauftragt.
Der örtliche Meister war Wang. Nun gut, es gab da noch Meister Xiang, Meister Yu und Meister Zang, namhafte Experten der Raumgestalterzunft, die sogar in überregionalen Fachzeitschriften publizierten. Glücklicherweise tauchte das Trio aber aufgrund ihrer Anfangsbuchstaben in den gelben Seiten erst hinter ihm in der Liste der örtlichen Harmoniehandwerker und Geomantie-Experten auf. Und so war Meister Wang, wie so oft zuvor, erneut an einen lukrativen Auftrag geraten.

Wang musste grinsen. Die beiden steinernen Löwen neben dem Eingang grinsten zurück. Die Umgestaltung von Wus Anwesen würde in jedem Fall genug abwerfen, um in den nächsten Monaten die sündhaft teuren Raten für Missis Wangs Komfortsänfte aufzubringen.
Dieser Auftrag würde ihm langfristig sogar soviel einbringen, dass er sich selbst die neue Sänfte mit den speziellen, geländeerprobten Trägern würde leisten könnte, statt der preiswerten Designkopie aus der Shanghaier Sänftenfabrik, die immer mit niedrigen Facharbeiterlöhnen und schlechtem Abschneiden in den unabhängigen Sänften-Crashtests von sich reden machte.

Meister Wang und die Entstehung des Feng-Shuis: Teil 9

Meister Wang eilte weiter durch die kleinen Gassen und Straßen der Stadt, wobei er leise vor sich hin kicherte.

Plötzlich musste er an das neue Material denken, das die unzähligen Meister und Handwerker, die vielen emsigen Arbeiter im Weinstock der Harmonie, für die Berechnungen auf Grundlage der fünf Elemente nunmehr brauchen würden. Er hätte das Monopol und nur er könnte Lizenzen vergeben. Angesichts dieser Geschäftsaussichten entrang sich ein ekstatischer Seufzer des Glücks seinen Lippen. Eigentlich klang es wie die Mischung aus unartikuliertem Gurgeln, hysterischem Kichern und brunftigem Schnauben.

Medizin

Glücklicherweise waren derartige Geräusche in dieser stark von Eselskarren frequentierten Straße keine Seltenheit. Dennoch, vor ihm laufende Passanten blickten sich offenbar in der Erwartung um, dass sich hier eines der widerborstigen Tiere in aller Öffentlichkeit übergab. Immerhin doch kein so alltäglicher Anblick, zumal Meister Wang gerade die örtliche Apotheke mit all den bunt verpackten Pülverchen und Potenzmittelchen in den Auslagen, passierte (glücklicherweise kannten sie seinen Vornamen nicht).

Meister Wang setzte augenblicklich wieder seine ehrfurchtgebietende Miene auf, schob seinen mächtigen Bauch, das voluminöse, weithin sichtbare Zeichen seines Wohlstandes, weit nach vorn und schritt eilig aus. Das fehlte noch, dass irgendwelche Geschichten über den Meister und Begründer der Lehre des Feng Shui in Umlauf gerieten und irgendwann in die Annalen der Geschichte landeten. Auf keinem Fall sollte sein Name mit irgendwelchen Potenzmittelchen in Verbindung gebracht werden!

Die Passanten tuschelten zwar, schauten aber weg. Das war noch einmal gut gegangen! Er tastete nach dem Glücksanhänger mit den beiden Fu-Hunden. Wie auf Befehl knurrte sein Magen. Man sollte die appetitanregende Wirkung eines morgendlichen Spaziergangs eben nicht unterschätzen.
Meiste Wang überlegte, ob er zu einem kleinen Imbiss in eins der vielen kleinen Schnellrestaurants am Rand der Straße einkehren sollte. Wu würde warten aber andererseits ist ein leerer Magen ein schlechter Ratgeber in einem wichtigen Meeting.
Geröstete Enten

Was soll´s, ein Fladenbrot mit vom Spieß geschnitten Entenfleischstückchen, Tomaten, Zwiebeln, viel Knoblauch und scharfer Soße wäre jetzt genau das Richtige. Vielleicht probierte er ja zur Feier des Tages auch die Kräutersoße, obwohl ihm Meister Lang, sein Hausarzt immer davon abriet.

Die bösen Geister, die darin wohnten, würden sehr schnell von ihm Besitz ergreifen und würden wieder heraus wollen. Bedächtig stellte er sich an den Imbiss, nicht ahnend, dass die Portion gegrilltes Entenfleisch im Fladenbrot mit Kräutersoße, der er erwartungsfroh mit den Füßen trappelnd entgegensah, die Welt der Harmonie für immer verändern würde.

Meister Wang und die Entstehung des Feng-Shuis: Teil 8

Toilettenhäuschen

Meister Wang hatte die Lösung gefunden. Jawohl, es brauchte eine neue Zeit. Eine Zeit in der fünf die Zahl der heiligen Elemente war. Eine Zeit, in der die Toiletten draußen im Hof lagen. Und er war ihr Wegbereiter, ihr Prophet und Mentor, der Nestor einer ganz neuen Bewegung.

Rasch raffte er seine Utensilien, all die gesegneten Pläne, die ihm eine glückliche Fügung des Schicksals beschert hatte, zusammen und betrat eiligen Schrittes die belebte Straße, die ihn zur Residenz des Beamten Wu und gleichsam in eine freudvolle Zukunft voller Glück und Wohlstand führen würde.

Während er den morgendlichen Rinnsalen mit den übel riechenden Inhalten der Nachgeschirre auswich, malte er sich seine Aussichten in den kräftigsten Farben aus. Er würde schlagartig berühmt werden. Die Einladungen aus dem ganzen Reich wären nicht mehr zu zählen. Er würde auf ausgedehnte Vortragsreisen gehen, würde Vorträge und Seminare halten. Vielleicht sogar beim Kaiser, dem gottgleichen Herrscher der verbotenen Stadt, wie immer der Aktuelle auch gerade hieß. Immerhin wechselten die so schnell, wie Missis Wangs Launen, so dass man hier in der beschaulichen Provinz schnell den Überblick verlor.

Meister Wang würde irgendwann sogar den kaiserlichen Palast umgestalten. Natürlich, für den Kaiser würde er das Toilettenhäuschen aus goldgewirktem Alabaster in einem goldgepflasterten Hof vorsehen und die Berechnungen zur korrekten Lage auf den goldenen Achsen des Glücks besonders genau ausführen.

Feng-Shui-Messias

Missis Wang würde das aber nicht gefallen. Seine ständige Abwesenheit in fremden Städten, mit fremden Kurtisanen und vielleicht auch noch mit fremden Hofdamen in Peking. Seine aufsteigende Erregung begegnete plötzlich nackter Angst, die von oben herabsank.

Andererseits, sollte Missis Wang doch angesichts seiner neuen Bedeutung keifen und toben. Er würde schweigen und lächeln. Nicht so gequält, wie sonst, aber er würde lächeln. Schließlich lebte er in einem Land, in dem die Männer offiziell viel und die Frauen wenig zu sagen hatten. Meister Wang würde über den Dingen stehen und den Schmerz viel leichter als sonst wegatmen.

Er war der Messias, der Wegbereiter. Sein Feng Shui war der Weg in die Zukunft. Noch in hundert, nein tausend Jahren würde man von ihm sprechen und ehrfurchtsvoll seinen Namen, wie den des großen Konfuzius, raunen. Wen interessierte dann noch das Gekeife von Missis Wang. Weiß Gott, von Missis Konfuzius war auch keine Rede mehr, obwohl sie, wenn man der Klatschpresse glauben durfte, auch kein stilles Pflänzchen im Lustgarten der ehelichen Harmonie gewesen war.

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