Blogger, Buchautor und Sheng-Fui-Sympathisant: Johannis R. Jappen ist ein Mann, der “die Sarangi (Fiedel), Murali (Bambusflöte) und die Dudra (Zupfinstrument) gleichzeitig spielen kann” (Nepalesisches Sprichwort, am ehesten mit Tausendsassa übersetzbar). Daneben ist er Vorstandsvorsitzender der Hilfsorganisation HOPE e.V. und kümmert sich um Entwicklungsprojekte im fernen Nepal und hilft dort in Not geratenen Menschen. Zur Zeit hält sich Johannis in Nepals Hauptstadt Kathmandu auf und berichtet exklusiv für uns (näheres in unserer Beitragsankündigung) in einer vierteiligen Serie über seine Eindrücke.
Da seine Schilderungen ausnahmsweise nichts mit Sheng Fui zu tun haben und aus Gründen der Höflichkeit und des Respekts vor unserem Gastautor, möchte ich Euch darum bitten, in den Kommentaren nur den Inhalt des Beitrags zu diskutieren und die Gemeindegespräche in anderen Beiträgen abzuwickeln.
Johannis steht über ein Internetcafe in Kathmandu mit uns in loser Verbindung und hat versprochen alle Fragen zu beantworten, so es sein angespannter Zeitplan und die desaströse Stromsituation in Nepals Metropole zulassen.
ACHTUNG – Jetzt mit über 70 Bildern in der Bildergalerie – ACHTUNG
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Es ist Freitag, der siebte November, vorm Fenster zieht ein winterkühler, blitzblauer Morgen herauf, und im Hof dröhnt der Generator. In diesem Stadtteil gibt es heute von 7:30 bis 9:30 Uhr und dann noch einmal von 17:30 bis 20:30 Uhr keinen Strom, ab nächster Woche soll uns der Saft täglich für zehn Stunden abgedreht werden. Nur als Hinweis: ich befinde mich im Land mit einem gigantischen Potential für Wasserkraftwerke, genug um halb Asien mit Strom zu versorgen.
Obwohl dieser Artikel erst am 19. November erscheinen wird, sitze ich schon jetzt an den Tasten, denn übermorgen reise ich für fünf Tage gen Norden in den Distrikt Rasuwa, wo HOPE e.V. seit zehn Jahren tibetische Flüchtlinge in mehreren Camps unterstützt. Erneut werde ich dort drei dieser entlegenen Flüchtlingssiedlungen besichtigen und die Empfänger unserer Hilfszahlungen besuchen, überwiegend Menschen im Alter von Sechzigplus.
Kurz nach meiner Rückkehr bin ich dann wieder für drei Tage in den Distrikten Dhading und Gorkha unterwegs, habe daher kaum Zeit für euch zu schreiben.
Worum soll es nun im letzten von vier Beiträgen gehen?
Heiteres und Haarsträubendes aus diesem extrem hellhörigen Betonkasten mit dem schönen Namen Potala Guesthouse, in dem ich seit 2002 einen beträchtlichen Teil jedes Jahres verbringe? (Anders als von Lorenz in der ersten Ankündigung erwähnt, bin ich oft zweimal jährlich hier, in Summe kommen da locker zehn Wochen zusammen.)
Skurriles aus dem Alltag der nepalesischen Geschäftsleute, zum Beispiel über die Fußmatten, die morgens überall vor den Läden umgedreht auf dem Asphalt liegen? (Füße und alles, was von ihnen berührt wird, gelten als spirituell unrein. Deshalb berührt man die Fußmatte ungern und klopft sie nicht etwa aus, sondern lässt den Dreck von den darüber rollenden Autos und Motorrädern rausfahren.)
Kuriose Berichte über mit Terpentin gepanschtes Benzin, durch das in Nepal wöchentlich hunderte von teils nagelneuen Motorrädern den finalen Kolbenfresser erleiden?
Oder eher Bedrückendes aus diesem Land am Himalaya, wo fast alle großen Flüsse entspringen, die den indischen Subkontinent und große Teile Chinas mit Trinkwasser versorgen. Im mächtigsten Hochgebirge der Welt schmelzen die Gletscher – seit Urzeiten steter Quell sauberen Süßwassers für die langen, trockenen Sommermonaten – wie Butter in der Sonne und bringen dabei Gletscherseen zum Ansteigen, bis sie mit unbändiger Kraft ihre Dämme sprengen und das talwärts gelegene Land verwüsten.
Nepal zählt zu den zehn Ländern, die am schwersten von der Klimaveränderung getroffen werden. Soll ich darüber schreiben?
Dieses Land erscheint mir oft wie ein Mikrokosmos unseres Planeten, extrem vielfältig, voller Schönheit und Lebenskraft, aber auch beladen mit ungelösten Problemen von einer kaum vorstellbaren Dimension. Die Nepalesen haben viel Geduld bewiesen und die Hoffnung nie aufgegeben, aber der Silbersteifen an ihrem Horizont ist eher blasser geworden.
Die Maoisten, vor zweieinhalb Jahren vom bewaffneten Kampf aus dem Untergrund an den grünen Tisch umgezogen und neuerdings sogar stärkste politische Kraft, bereichern sich ungeniert und missbrauchen ihre Macht fast schon genau so dreist, wie es der letzte König und einige seiner Vorgänger taten.
(Zahlreiche Bilder vom Generalstreik 2006 und den erhitzten und teilweise blutigen Auseinandersetzungen sind auf der privaten Homepage des Autors zu sehen. In seiner Reportage Fahrradtour in Kathmandu berichtet Johannis von den Auswirkungen des Generalstreiks. Die Redaktion)
Integre Führerpersönlichkeiten sind in Politik und Wirtschaft rar, das Volk ist nach elf Jahren blutigen – und von der Weltöffentlichkeit weitgehend unbeachteten – Bürgerkriegs brutalisiert und innerlich zerrissen, die Menschen haben die ewigleeren Versprechungen und den ermüdenden Daseinskampf satt, wollen endlich Fortschritt und die versprochene bessere Zukunft.
Vorgestern, am Mittwochmorgen, habe ich mit Tränen in den Augen und gemeinsam mit unzähligen anderen Erdenbürgern am Fernsehbildschirm den Wahlsieg von Barack Obama begrüßt, einem Mann, der weltweit gefeiert wird und unglaublich viel Hoffnung freisetzt. Mit ihm als Führer der derzeit größten Weltmacht keimt die Zuversicht auf, dass es vielleicht noch nicht zu spät ist, dass wir – vorausgesetzt wir handeln einig, entschlossen und ohne weitere Verzögerungen – doch noch eine Chance haben und die drängenden weltweiten Probleme lösen oder zumindest ihre Folgen auf ein erträgliches Maß mildern können.
Man wünschte jedem Land dieser Erde einen männlichen oder weiblichen Barack Obama, auch wenn der gewählte Präsident der USA erst noch zeigen muss, ob er die in ihn gesetzten Hoffnungen erfüllen kann.
Das jahrhundertelang feudalistisch regierte Nepal wird wohl noch viel Zeit brauchen, um eine wirklich demokratische Kultur zu entwickeln. Leider stehen dem vielfach die Interessen der Reichen und Mächtigen, endlose politische Querelen und Zwistigkeiten, der religiös bedingte Fatalismus der breiten Masse, aber auch die oftmals erschreckend schlechte Ausbildung entgegen.
In den Schulen beten die Kinder im Chor nach, was in den altmodischen Lehrbüchern steht, und das Land beschäftigt knapp 30.000 Hilfslehrer, die als einzige Qualifikation das hiesige Äquivalent unseres Abiturs vorweisen müssen. Abseits der größeren Städte sind die Schulgebäude oft uralt, klein und stickig oder sogar einsturzgefährdet. Es gibt meist keine Toiletten, kein Wasser, keinen Strom. Also auch keine Computer oder andere moderne Lehrmittel, kein elektrisches Licht und oft nicht einmal genug Bücher. Dafür aber Schuluniformen, morgendliches Exerzieren auf dem Hof und oft noch den Rohrstock.
Das Schulsystem kann HOPE e.V. nicht verändern, aber der Verein kann sich zumindest dafür einsetzen, dass es ordentliche Schulgebäude gibt. Das tun wir, in der Hoffnung, dass in einer dieser Schulklassen der nepalesische Barack Obama heranwächst, ein Mensch, der dieses Volk einigen kann und in eine bessere Zukunft führen wird. Meinem letzten Beitrag sind deshalb einige Bilder der Bitesh Primary School beigefügt, wo wir gerade ein neues Gebäude bauen, eines unserer insgesamt sieben Schulprojekte landesweit.
Ich bedanke mich für das Forum, das Lorenz Meyer mir hier geboten hat, und natürlich für das Interesse und die Spendenbereitschaft. Verabschieden möchte ich mich von den Lesern dieser Seite mit Fotos von Kindern aus Nepal – also exakt jenen Menschen, deren Zukunft durch die Auswirkungen globaler Versäumnisse entscheidend geprägt sein wird. Sie sind die Saat, aus der in diesem wunderschönen und extrem widersprüchlichen Land eine gerechtere und demokratische Gesellschaft erwachsen kann. Deshalb brauchen sie unsere Fürsorge und Unterstützung.
(Weitere Bilder in der Bildergalerie)
Die Serie mit den Notizen aus Nepal ( Beitrag 1: Überlebenskämpfer, Beitrag 2: Feiern, bis die Schwester kommt, Beitrag 3: Verkehrsdurchsage) ist mit diesem Beitrag an ihr Ende gelangt. Wir bedanken uns bei Johannis R. Jappen herzlich für seine eindrucksvollen Berichte aus dem fernen Nepal, die oft unter beschwerlichen Umständen zustande gekommen sind. So musste Johannis beim Übertragen der beträchtlichen Datenmengen jede Menge asiatische Gelassenheit aufwenden und so manchen westlichen Fluch unterdrücken, wenn mal wieder der eh schon tröpfelnde Upstream abriss und er sich erneut ins Netz wählen musste. Auch dafür Danke, Johannis und eine eine gute Rückkehr nach Deutschland!
Wir hoffen, dass Euch die Notizen aus Nepal gefallen haben und Ihr die Arbeit von Johannis weiterhin am Leben erhalten wollt. Unterstützt HOPE e.V. deshalb mit einer Spende über Paypal oder per Banküberweisung auf das Vereinskonto.
























November 19th, 2008 10:18
Ich habe in der Tat einen kleinen Eindruck von diesem Land bekommen, das ich eigentlich bisher nur mehr dem Namen nach kannte. Spontan ist aber in mir und den meisten anderen Kommentatoren dieses Blogs, die sich hier regelmäßig gegenseitig befruchten, eine Begeisterung zur Unterstützung des Vereins entstanden, von der ich selbst nicht geahnt hätte, dass sie möglich wäre und dass ich sie auch zulassen würde.
Das ist eine neue Erfahrung, die ich auch den Berichten von Johannis und natürlich ebenso dem mitreißenden Engagement einer Handvoll anderer Menschen verdanke, die ich genauso wenig persönlich kenne wie Johannis…
Danke !!
November 19th, 2008 13:19
Vielen Dank für deine Anerkennung, tmp, es freut mich, wenn meine Berichte euch erreicht und zum Teil sogar berührt haben. Mindestens genauso freue ich mich über die Bereitschaft einiger LeserInnen, sich aktiv für die Unterstützung der Arbeit von HOPE e.V. einzusetzen, dabei wünsche ich euch viel Freude und Erfolg.
Lorenz, besten Dank für die Ergänzung des Berichts mit landestypischen Bildern. Das mit den Soldaten vor dem Panzerspähwagen kommt mir sehr bekannt vor
. Magst du vielleicht noch einen Link zu den Bildergalerien auf meiner eigenen Seite einbauen, so dass sich Nepalsüchtige einen Eindruck vom Volksaufstand im April/Mai 2006 machen können? Natürlich können sie dort unter PROSA auch einige Berichte aus dieser Zeit nachlesen, ohne mein Buch kaufen zu müssen.
Herzliche Grüße aus Kathmandu, sonnig aber schon ziemlich kühl.
Johannis (ab Freitag zum Auftanken im südlichen und komplett technofreien Goa am Strand)