Blogger, Buchautor und Sheng-Fui-Sympathisant: Johannis R. Jappen ist ein Mann, der “die Sarangi (Fiedel), Murali (Bambusflöte) und die Dudra (Zupfinstrument) gleichzeitig spielen kann” (Nepalesisches Sprichwort, am ehesten mit Tausendsassa übersetzbar). Daneben ist er Vorstandsvorsitzender der Hilfsorganisation HOPE e.V. und kümmert sich um Entwicklungsprojekte im fernen Nepal und hilft dort in Not geratenen Menschen. Zur Zeit hält sich Johannis in Nepals Hauptstadt Kathmandu auf und berichtet exklusiv für uns (näheres in unserer Beitragsankündigung) in einer vierteiligen Serie über seine Eindrücke.
Da seine Schilderungen ausnahmsweise nichts mit Sheng Fui zu tun haben und aus Gründen der Höflichkeit und des Respekts vor unserem Gastautor, möchte ich Euch darum bitten, in den Kommentaren nur den Inhalt des Beitrags zu diskutieren und die Gemeindegespräche in anderen Beiträgen abzuwickeln.
Johannis steht über ein Internetcafe in Kathmandu mit uns in loser Verbindung und hat versprochen alle Fragen zu beantworten, so es sein angespannter Zeitplan und die desaströse Stromsituation in Nepals Metropole zulassen.
ACHTUNG – Jetzt mit über 50 Bildern in der Bildergalerie – ACHTUNG
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Ein wohlmeinender Zeitgenosse gab mir vor meiner Abreise den Rat mit auf den Weg, ich solle bitte nur Safer Sex praktizieren. Nette Idee, denn obwohl ich – anders als der deutsche Durchschnittsmann – eine rassige Brünette oder gar glutvolle Schwarzhaarige jederzeit der im Westen eher überbewerteten kühlen Blondine (in Nepal etwa so verbreitet wie Gletscherseen in der Zentralsahara) vorziehen würde, hatte und habe ich hier überhaupt keinen Verkehr.
Das nicht etwa, weil ich mich spröde und keusch verweigern würde – nein, die oftmals ausgesprochen liebreizenden Nepalesinnen sind leider erstaunlich prüde und regelrecht kontaktscheu. Sie haben (wenn man von gewerblichen Berührungen absieht, die für mich tabu sind) kein erkennbares Interesse an blässlichen Langnasen wie mir. Schade, sehr schade!
Verkehr mit mir findet darum nur im unverfänglichen Bereich statt, also auf den Straßen. Gestern erzählte ein Mitarbeiter, früher hätten er und seine Schulkameraden gedacht, wenn es in Kathmandu erst einmal Verkehrsstaus wie im Westen gäbe, wäre das Land endlich voll entwickelt. Mittlerweile bricht der Verkehr an Werktagen sehr zuverlässig morgens wie abends für mindestens eineinhalb Stunden zusammen, aber Nepal ist weiterhin ein sehr rückständiges Land. Es gibt hier – nicht nur für den Verkehr – reichlich Regeln, aber kaum jemand befolgt sie, überall regiert das nackte Chaos.
Die meisten Gassen der Hauptstadt sind eindeutig zu schmal für zwei Autos, dennoch brettert ständig irgendwer gegen den Strich durch die vielen Einbahnstraßen. Man regt sich darüber aber nicht etwa auf, sondern nimmt die Anarchie hin wie schlechtes Karma. Es wird wenig gemeckert, kaum geflucht und – anders als bei uns – auch nicht dauernd gedroht oder der Fickfinger gereckt, aber für Rüpeleien entschuldigt sich auch niemand. Bei Unfällen strömt sofort das Volk zusammen, entscheidet die Schuldfrage spontan und entlastet Polizei und Gerichtsbarkeit nicht selten durch gemeinschaftlich verabreichte Prügel.
Tagsüber ist die Stadt erfüllt von einem kakophonischen Hupkonzert und das ständige Plärren der Hörner bedeutet unter anderem: Ich bin hinter/neben/vor dir; Ich überhole dich gleich; Ja, weiß ich; Toller Sari, Baby, und vor allem das Darunter; Mach endlich Platz, Mann; Muss hier grad mal anhalten; Hallo, der Bus ist da; Ich hab dich längst gesehen; Brauchen Sie ein Taxi?; Lauft hier bloß jetzt/heute/diese Woche nicht über die Straße; Hey, Ram Bahadur, wie geht’s dir, altes Haus? Das und noch viel mehr kann man mit Hupe oder Pressluftfanfare – ein Muss für Busse und Lastwagen – ausdrücken.
Seit die Banken jedermann ein Motorrad finanzieren, der eine minimale Anzahlung und jahrelang hyperhohe Zinsen berappen will, verstopfen massenhaft Zweiräder die Stadt. Hier kann man mit Glück in einem Mopedstau stehen, bei dem sich hunderte der stänkernden Knatterkisten so dicht in einer Gasse drängen, dass man selbst zu Fuß nicht mehr durchkommt. Überhaupt ist Kathmandu die einzige Stadt, in der man andauernd und locker überholen kann – allerdings nur zu Fuß, und zwar jederlei Fahrzeuge.
Ansonsten wird auf dem Motorrad alles transportiert, von Ziegen und Hühnern über Baustahl und Flüssiggas bis zur vierköpfigen Familie. Echt nervig sind die neueren Kisten Marke Bajaj Pulsar und Hero Honda Splendor, die 150 ccm Hubraum und Powerhörner mit dem kraftvollen Hupensound von 7er-BMWs haben. Überhaupt erinnern mich besonders die jungen Kradfahrer an mongolische Reiterhorden, wenn sie – statt auf dem Rücken struppiger Pferde – mit durchgedrückter Hupe und Vollgas im wilden Zickzack zwischen Fußgängern und Rikschas hindurchballern wie Alpinisten beim Riesenslalom in Kitzbühel.
Außerhalb der Städte ist die Lage anders, aber nicht besser. Hinten an den Lastwagen steht meist ‚Horn please’ und man befolgt vorm Überholen besser diese Aufforderung. Nachts nimmt man die Lichthupe, falls das Licht am Fahrzeug geht, das ist aber nicht zwingend. Um die Birnen zu schonen, wird das Fahrlicht erst bei Dämmerungswerten von rund 7,5 Lux eingeschaltet, das entspricht etwa der Helligkeit in einem Kleiderschrank bei angelehnter Tür. Abblendlicht ist für Anfänger, normalerweise fährt man die ganze Nacht mit Fernlicht, damit der Gegenverkehr auch sieht, wie entgegenkommend man ist. Sicherheitsgurte – wenn vorhanden – werden grundsätzlich nicht angelegt, denn das verstößt gegen die Männlichkeitsrituale.
Es darf deshalb nicht überraschen, dass Nepal weltweit beinahe die höchste Anzahl tödlicher Unfälle bezogen auf Fahrgastkilometer hat. Darin eifern die Nepalesen erfolgreich den Indern nach, die zwar nur 1% aller Fahrzeuge dieser Welt besitzen, aber 10% der Verkehrstoten beklagen. Neben allgemein halsbrecherischer Fahrweise – das Sprichwort ‚Wer bremst verliert’ muss eigentlich in Nepal entstanden sein – gehören folgende Verhaltensweisen unbedingt zum guten Fahren:
- Überholen in unübersichtlichen Kurven sowie gleichzeitiges Überholen mehrerer Fahrzeuge nebeneinander.
- Parken an Steilstrecken, Engpässen und Haarnadelkurven, weil der Fahrer/Beifahrer pinkeln muss oder am Straßenrand besonders günstig frische Ananas/Bananen/Orangen/Zuckerrohrstücke verkauft werden.
- Überraschendes Bremsen, Abbiegen, Wenden bei konsequentem Verzicht auf Lichtsignale oder Handzeichen.
- Reparatur von Getriebe-, Radlager- und Kühlerschäden mitten auf dem Highway, dessen Breite etwa einer deutschen Kreisstraße entspricht, aber trotz löchrigem Asphalt meist wellig wie ein Feldweg ist.
Nutzfahrzeuge müssen bis kurz vorm Achsbruch überladen werden, auch wenn das ihre Motorleistung speziell im bergigen Gelände gern überfordert. (Hinweis: Fast 80% des Landes liegt im Gebirge). Warndreiecke werden grundsätzlich auseinandermontiert und zu dekorativen Ornamenten angeordnet vorn an den Kühlergrill geschraubt. Bleibt ein Fahrzeug unterwegs liegen und muss verlassen werden, wird es auf dem Asphalt liebevoll mit Felsbrocken eingerahmt und mit einem grünen Ast gekennzeichnet. So sieht man es zwar in der Dunkelheit erst, wenn man bereits über die Felsbrocken rumpelt, kann aber am Frischegrad des Laubzweiges erkennen, seit wann der Havarist dort steht.
Ich bin sicher, dass einige Leser mittlerweile über meine chauvihafte Überheblichkeit rechtschaffend empört sind, aber in diesem Bericht ist nichts gelogen oder auch nur übertrieben. Früher selbst als Berufskraftfahrer tätig, habe ich schon Fahrzeuge u. a. in Australien und Neuseeland besessen, wo ebenfalls Linksverkehr herrscht. Mich schreckt so leicht nichts ab, aber in Nepal habe ich mich noch nie ans Steuer gesetzt, denn oftmals scheint es, als sei hier der Gebrauch gesunden Menschenverstands bei Androhung der Todesstrafe untersagt. Stattdessen verlässt man sich auf Shiva, Shakti, Durga, Krishna und Co., aber mein Gottvertrauen ist bekanntlich nur schwach ausgebildet.
Obwohl dieser Text bereits zu lang ist, noch ein paar Worte zum Dasein des Fußgängers. Man geht inner- und außerorts meist furchtlos im Pulk nebeneinander und tendenziell links (alternativ im Sommer auf der schattigen Seite der Straße, an kalten Wintertagen hingegen in der Sonne), hat herannahende Fahrzeuge dabei im Rücken und demonstriert dadurch Gelassenheit. In der Stadt sind die Straßen oft ähnlich quirligvoll wie bei uns zur Loveparade, wobei dann allerdings keine Mopeds zugelassen sind.
Im Englischen gibt es den Begriff des ‚reckless driving’ wobei reckless eine Kombination aus riskant, rücksichtslos und halsbrecherisch benennt. In Kathmandu kommt man am besten mit ‚reckless walking’ voran, eine Mischung aus entschlossenem Ausschreiten, subtiler Drängelei, Zickzacklauf mit reaktionsschnellen Kursänderungen im Millisekundenbereich und unerschrockenem Hasardspiel. Taxi- und Motorradfahrer bremsen fast immer im letzten Moment, bevor sie einem im Gedränge mit der Stoßstange das Schienbein oder mit dem Lenker ein paar Rippen brechen. Touristen stolpern unsicher durch die Stadt, Rikschas und Radfahrer stellen kaum eine tödliche Gefahr dar, nur bei Bussen und LKW sollte man vorsichtig sein. Also immer feste drauf los, denn wer zögert wartet ewig. Zebrastreifen sind – ebenso wie Ampeln – extrem selten, meist bis zur Unkenntlichkeit verblasst und dienen eigentlich nur zur Auflockerung des Stadtbildes.
Ansonsten muss man in Nepal frühzeitig den horizontalen 90-Grad-Schulterschwenk üben, denn hier gilt zwischen allen Verkehrsteilnehmern als Toleranzdistanz die Handbreit. Wobei es sich oft um die Hand eines im siebten Monat frühgeborenen Säuglings handelt, etwa acht Millimeter. Beim 90-Grad-Schulterschwenk dreht der Fußgänger den Oberkörper blitzschnell parallel zur Gehrichtung, macht sich also schmal und beugt somit der sicheren Kollision mit entgegenkommenden PKW/Bussen/Jeeps/Mopeds/Fahrradrikschas aus. Ich mache mich jetzt auch mal schmal, winke im Geiste mit einer voll ausgewachsenen Männerhand und verrate nicht noch mehr Tricks, denn sicher wollen manche Leser bald selbst nach Nepal reisen und vor Ort eigene, anregende Erfahrungen machen.
PS: Letzten Sonntag auf der Fahrt in den Distrikt Dhading erlebte ich meinen bisher gigantischsten Stau auf dem Prithivi Highway (Nepals Nabelschnur nach Indien), der von aufgebrachten Anwohnern für einen halben Tag blockiert wurde. Mehr dazu und Bilder findet ihr auf meiner eigenen Seite, sobald ich dazu komme. Kann aber etwas dauern.
Während Johannis im Zickzacklauf durch Nepals Metropole eilt, wollen wir die Zeit nutzen und weitere Spenden für seinen Verein HOPE e.V. aquirieren.
Sowohl der erste Beitrag der Notizen aus Nepal (Überlebenskämpfer) als auch der zweite Beitrag (Feiern, bis die Schwester kommt) haben bei den Lesern ein gewaltiges Echo erzeugt und unsere großzügigen Blogbesucher haben gespendet, was das Zeug hält. Damit der Spendenstrom nicht abreißt, hier nochmal unsere ausdrückliche Aufforderung: Unterstützt HOPE e.V. mit einer Spende über Paypal oder per Banküberweisung auf das Vereinskonto.

























November 12th, 2008 13:25
Hallo Johannis,
Danke für die verkehrsnahen Beschreibungen Deiner Aktivitäten (+ Nichtaktivitäten!)
Du hast durch diesen Qualitätsbericht eindeutig gezeigt, dass einer Verkehrsfunkkarriere nun nichts mehr im Wege steht.
VL hat am Freitag einen Termin beim Steuerberater, wegen der Spendenkontengeschichte. Die Bank des Vertrauens ist momentan eher noch aus Holz und steht in einem Park
Wir arbeiten daran, weiterhin viel Erfolg für Deine Unternehmungen
wünscht Dir eine
*im Westen eher überbewertete kühle Blondine*
November 12th, 2008 21:04
Hallo Johannis,
danke Deine Bilder sehe ich einen Stau auf der Autobahn mit ganz anderen Augen
.
Für Dich weiterhin viel Kraft und Geduld,
Grüße
Hetti
November 13th, 2008 13:53
Grad total durchgeschüttelt wieder in KTM eingetroffen (110km, davon 45km ohne Asphalt und nur aus Löchern bestehend, 7,5 Stunden reine Fahrzeit) erfreue ich mich an Strom, warmem Wasser und freundlichen Kommentaren.
Dank auch an Lorenz für’s Nichtkürzen, Korrigieren und die Arbeit mit Galerie und Links. Viele Grüße von Johannis (echt urlaubsreif!)
November 13th, 2008 20:26
[...] http://www.sheng-fui.de/allgemein/notizen-aus-nepal-34-verkehrsdurchsage/www.kassandrus.de/blog/ [...]
November 14th, 2008 13:43
Vielen Dank für diesen interessanten und pointenreichen Einblick in Nepals Verkehrswesen. Da sieht man unser Sicherheitsbewusstsein (hat der Verbandskasten das richtige DIN-Symbol? Passt die Kindersitzerhöhung noch?) doch glatt mal in einem anderen Licht…
November 14th, 2008 15:32
Werte LeserInnen,
wie versprochen findet ihr hier http://www.kassandrus.de/blog/?p=260 den aktuellen Staubericht aus Nepal und eine Auswahl der schönsten Lastwagen, u. a. der Marke Adidas. Saumüde und kaputt schleppe ich mich jetzt auf eine scharfe Suppe ins Restaurant Yak und fahre morgen wieder ins abenteuergeladene Hinterland. Beste Grüße aus Kathmandu, bewölkt und kühl.
PS: Heute schon gespendet? Ich schon, Bettler gibt es überall.
November 19th, 2008 13:38
[...] aus Nepal ( Beitrag 1: Überlebenskämpfer, Beitrag 2: Feiern, bis die Schwester kommt, Beitrag 3: Verkehrsdurchsage) ist mit diesem Beitrag an ihr Ende gelangt. Wir bedanken uns bei Johannis R. Jappen herzlich [...]