Blogger, Buchautor und Sheng-Fui-Sympathisant: Johannis R. Jappen ist ein Mann, der “die Sarangi (Fiedel), Murali (Bambusflöte) und die Dudra (Zupfinstrument) gleichzeitig spielen kann” (Nepalesisches Sprichwort, am ehesten mit Tausendsassa übersetzbar). Daneben ist er Vorstandsvorsitzender der Hilfsorganisation HOPE e.V. und kümmert sich um Entwicklungsprojekte im fernen Nepal und hilft dort in Not geratenen Menschen. Zur Zeit hält sich Johannis in Nepals Hauptstadt Kathmandu auf und berichtet exklusiv für uns (näheres in unserer Beitragsankündigung) in einer vierteiligen Serie über seine Eindrücke.
Da seine Schilderungen ausnahmsweise nichts mit Sheng Fui zu tun haben und aus Gründen der Höflichkeit und des Respekts vor unserem Gastautor, möchte ich Euch darum bitten, in den Kommentaren nur den Inhalt des Beitrags zu diskutieren und die Gemeindegespräche in anderen Beiträgen abzuwickeln.
Johannis steht über ein Internetcafe in Kathmandu mit uns in loser Verbindung und hat versprochen alle Fragen zu beantworten, so es sein angespannter Zeitplan und die desaströse Stromsituation in Nepals Metropole zulassen.
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Der Monat Oktober hatte es diesmal in sich, insgesamt elf gesetzliche Feiertage standen den Nepalesen ins Haus und sind nun überstanden. Dashain, das größte Fest mit sieben offiziellen Feiertagen, dauert eigentlich eine halbe Mondphase, ist aber so kompliziert zu erklären, dass ich kapituliere.
Tihar, auch Diwali oder Deepawali genannt, ist etwas einfacher. Das Festival des Lichts erstreckt sich nur über fünf Tage, von denen an zweien eigentlich sogar gearbeitet wird. In Nepal steht eben nicht das Bruttosozialprodukt im Mittelpunkt des Denkens und Handels, sondern man feiert bis die Schwarte kracht. Schön, oder?
(Auch beim großen Nachbarn Indien gehört Diwali zu den größten religiösen Festtagen, was sogar unsere allmächtige Suchmaschinenmutter Google dazu bewegt hat, dem Fest eines der so genannten Doodles zu widmen.) Doch genug der ironischen Zwischentöne, jetzt kommen Fakten.
Am ersten Tag von Tihar ist Kag Puja. Das Wort Pooja oder Puja (sprich Puhdschah) bedeutet Huldigung, Verehrung, Zeremonie, und Kag ist die Krähe. Also werden am Morgen des ersten Tihartages die Krähen gefüttert. Die allgegenwärtigen Rabenvögel gelten als Götterboten, und da man so einem schwarzen Flattermann schlecht Blumenketten um den schlanken Hals hängen kann, serviert man den Vögeln einmal im Jahr ein schmackhaftes Frühstück.
Kukur Puja prägt den zweiten Tag, konsequenterweise waren heute alle Lokalzeitungen mit Bildern von festlich geschmückten Hundestaffeln aufgemacht. Reihenweise uniformierte Männer, vor sich jeweils einen Schäferhund im Hippielook mit Blumenkette. Auch wenn die meisten Hunde den Rest des Jahres mehr oder weniger verwildert auf Straßen und Plätzen vegetieren, bekommen viele Kläffer am zweiten Tihartag lecker Fresschen und eben den obligatorischen Blumenschmuck, dem auch ich mich bei offiziellen Gelegenheiten nicht entziehen kann. Der angeblich beste Freund des Menschen wird hier verehrt, weil er Schutz vor Angreifern und wilden Tieren bedeutet. Für die nomadischen Tibetvölker, die zeltend mit ihren Herden durchs angrenzende Hochland ziehen, erfüllen gerade die unerschrockenen Mastiffs und wachsamen Tibetterrier diese Aufgabe bis heute. Sie helfen leider nicht gegen die Willkür der chinesischen Besetzer, aber das ist ein anderes Thema.
Am dritten Tag kommt ein Doppelpack, morgens Gai Puja und nach Einbruch der Dunkelheit Laxmi Puja. Gai ist die Kuh, deren heiliger Status sich wohl bis zu uns ungläubigen Westlern herumgesprochen hat. Sie liegt oder steht mit Vorliebe mitten auf der Straße, kaut nachdenklich an einem leeren Pappkarton herum (Cellulose, nahrhaft für Wiederkäuer) und erbringt somit, trotz Klimagasausstoß, ihren Beitrag zum Umweltschutz. Hindus essen kein Rindfleisch, machen aber beim Wasserbüffel gern eine Ausnahme.
Strenggläubige müssen ihr Haus sofort gründlich reinigen, wenn europäische Kuhesser zu Besuch waren. Hat der Gast gar die Schwelle zur Küche überschritten, wird weggeworfen, was dort auf dem Herd köchelte, denn es ist nun spirituell verunreinigt. Nützlich an der heiligen Kuh sind die Milch, die sie angeblich liebend gern von sich gibt (hungrige Kälber sehen das wohl etwas anders), und vor allem der Dung. Brennmaterial, Dünger und – als Politur auf den Lehmfußboden verstrichen oder mit Sand und Stroh vermischt – Baustoff, ja sogar als Heilmittel wird Kuhkacke eingesetzt.
Laxmi ist die Göttin des Wohlstands und der eigentliche Star der ganzen Feierei. Schon am Vortag schrubben plötzlich alle Händler gleichzeitig die eisernen Rolltore ihrer Läden und putzen die Schaufenster. Morgens hängt man dann überall Ketten aus frischen Ringelblumen auf. Gegen Abend werden auf der Türschwelle von kundiger weiblicher Hand komplizierte Mandalas aus Reis, Bohnen, farbigem Pulver, Kerzen und Blüten gelegt und ein Strich aus rotem Ton – von Öllampen gesäumt – führt von dort ins Innere des Hauses. Nachts kommt Laxmi angesaust, findet das Mandala, huscht an der roten Linie entlang ins traute Hinduheim und bringt ihren Segen. Bei mehr als einer Milliarde Hindus weltweit ist Laxmis Job logistisch nicht weniger anspruchsvoll als der unseres Weihnachtsmanns, welcher bekanntlich annähernd mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs ist, um all den braven Kindern Geschenke zu bringen. Wobei ihm wegen der immensen Reibungswärme schon mal die Rentiere verglühen, aber auch das soll hier nicht vertieft werden.
Der vierte Tihartag wird wahlweise dem Ochsen oder der eigenen Person gewidmet, manch einer kann das sehr schön kombinieren. Aber Scherz beiseite – Maha=Ich Puja ist eine tolle Erfindung, die vielen von Selbsthass zerfressenen westlichen Neurotikern dringend zur Nachahmung empfohlen werden muss. Man feiert sich selbst und das Leben, freut sich am Erreichten, übt Demut sowie Dankbarkeit und macht Pläne für die Zukunft. Praktischerweise beginnt zeitgleich auch das neue Jahr der Newari, der Ureinwohner des Tales von Kathmandu. Also Nepal Sambat 1129 statt des aktuellen Jahres 2065 im nepalesischen Kalender, der meist mit Neumond im April beginnt. Verwirrend? Ja, finde ich auch manchmal.
Der fünfte und letzte Tag heißt Bhai Tika. Bhai ist der jüngere Bruder, Tika der meist leuchtendrote Segensfleck, den man hier zu besonderen Anlässen auf die Stirn gepappt bekommt. An Bhai Tika huldigen die Schwestern ihren Brüdern, beschenken sie, waschen ihnen die Füße mit wohlriechenden Essenzen und applizieren eine komplizierte Mischung aus Eiklar, buntem Pigmentstaub, Reiskörnern und Blütenblättern auf der Denkerstirn des Blutsverwandten. Eine schöne Zeremonie, die ich auch schon mal erleben durfte. Wahrscheinlich hat man die betörend liebreizende junge Frau aber nur deshalb auf spirituellem Wege zu meiner Schwester gemacht, um sie vor eventuellen lüsternen Nachstellungen meinerseits zu schützen. Schade.
Ansonsten wird – wie bei uns Ende Dezember – viel zu viel gefuttert, reichlich gesoffen und gelegentlich gestritten. Mann spielt Karten oder würfelt, Frau kocht, trägt auf und spült. Ähnlich wie an Sylvester wird auch hier gern geböllert, wobei man bei uns zum Erwerb hiesiger Feuerwerksartikel die deutsche Sprengmeisterlizenz besitzen müsste. Erst vor wenigen Tagen flog in Indien eine illegale Böllerfabrik in die Luft, unter den 26 Toten waren zehn Kinder, die kleinen Hände sind halt so flink und geschickt.
Einfuhr, Verkauf und das Abbrennen von Feuerwerk sind in diesem Jahr offiziell verboten, aber offenbar hat die Polizei in Kathmandu tausend neue Stellen für Behinderte geschaffen und sofort mit Taubstummen besetzt. Eine Woche lang kracht, zischt, rummst und böllert es von früh bis spät, so manch gefiederte Taube fällt schockiert vom Mauersims, liegt plötzlich herztot im Staub und reckt die Trippelfüßchen in den blauen Oktoberhimmel, aber um das Geballere kümmert sich kein Schwein. Etwas schade, dass in diesem armen Land nach elf Jahren Bürgerkrieg soviel Geld für Knallerei ausgegeben wird. Noch vor zweieinhalb Jahren gingen hier in Kathmandu echte Bomben hoch, wurde geschossen und viel Blut vergossen. Schnee von gestern.
Unverträglichkeiten gegen Lärm sollte man hier sowieso nicht entwickeln, Kathmandu ist einfach eine nervtötend laute Stadt. An den letzen beiden Tihartagen ziehen Kinderhorden und semiprofessionelle Tanztruppen von Haus zu Haus. Sie trommeln, was das Fell hält, schlagen Schellenkränze und singen ihre Lieder. Man wird sie nur mit Geld oder Süßigkeiten los, demnach wurde Halloween wahrscheinlich in Nepal erfunden. Ansonsten ist die Stadt festlich erleuchtet, besonders die Mittelschicht hängt blinkende Lichterketten über die Balkons, bis das chronisch überlastete Stromnetz in die Knie geht.
So, im Nachbarhaus übt mal wieder ein ebenso unbegabter wie wütender Schlagzeuger, der Hinterhof wird weiterhin heftigst für Sprengungen genutzt und demnächst ist wieder Stromsperre. Ich nehme also besser meine Herztropfen und überlege, worüber ich beim nächsten Mal berichte. Bis dahin viele Grüße aus Nepal.
So lange Johannis noch die Kraft findet, seine Herztropfen einzunehmen, so lange wollen wir auch sein Projekt unterstützen und seinen Verein HOPE e.V. mit ein paar kleinen oder großen Spenden unterstützen.
Bereits der erste Beitrag der Notizen aus Nepal hat bei den Lesern ein gewaltiges Echo erzeugt und unsere großzügigen Blogbesucher haben gespendet, was das Zeug hält. Damit der Spendenstrom nicht abreißt, hier nochmal unsere ausdrückliche Aufforderung: Unterstützt HOPE e.V. mit einer Spende über Paypal oder per Banküberweisung auf das Vereinskonto.
























November 5th, 2008 08:27
Namasté, Johannis
Danke für den lebendigen Bericht und die stimmungsvollen Fotos, sowie für IBAN und BIC.
Sylvia
November 5th, 2008 13:32
Ich finde die Fotos ganz großartig. Ich mag die Farbenvielfalt und ich habe einen kleinen Eindruck davon erhalten, wie es zu Festtagen dort zugeht. Vielen Dank dafür!
November 5th, 2008 13:55
Hallo zusammen,
freut mich natürlich, wenn der Beitrag wieder gefällt. Schade nur, Lorenz, dass es mit dem Galerie-Plugin bisher nicht geklappt hat, und du deshalb etwa zwei Drittel der dir übersandten Bilderauswahl nicht zeigst. Obwohl, in der Ladezeit dieser Seite mit den eingebetteten Bildern hätte ich locker mein Auto waschen und den Rasen mähen können (wenn ich hier Haus mit Garten und Vehikel davor hätte). Danke aber trotzdem für deine Mühe und auch für den ungekürzt wiedergegebenen Text.
Vielleicht klappt es ja noch mit dem Galerie-Plugin, sonst brauche ich mir zukünftig wohl nicht ganz so viel Mühe mit der Knipserei zu machen. Für nächste Woche hab ich schon ziemlich ungewöhnliches Bildmaterial, um euch den Mund schon wässrig zu machen und eventuell etwas moralischen Druck auf den Netzmeister auszuüben.
Das beste Erlebnis heute war der Moment, als die Hochrechnungen 273 Wahlmännerstimmen für Barack anzeigten und dann die Rede des unterlegenen Kandidaten. Die Rede des zukünftigen Präsidenten konnte ich leider nicht mehr live sehen, weil die Pflicht mich mit mächtiger Stimme ins Büro rief, aber es war ein emotionaler Morgen.
Herzliche Grüße aus Kathmandu von Johannis (fiebrig&vergrippt)
November 5th, 2008 16:17
Ich habe gerade mit Blaulicht meine Mutter ins Krankenhaus gebracht und brauche etwas Zerstreuung…
Sag, Johannis, schenken sich denn die Menschen auch gegenseitig zu Laxmi Puja etwas, wie bei uns zu Weihnachten, den Vergleich hast Du ja selbst angebracht, oder sind es mehr Feierlichkeiten mit der Familie und eventuell Nachbarn und Freunden oder so ??
November 5th, 2008 16:19
Ach, und Gute Besserung wünsche ich Dir und ich denke mal, die gane Sheng Fui-Gemeinde ebenso…
November 6th, 2008 14:55
Als Zerstreuung für tmp (ausnahmsweise):
Geschenke gibt’s eher zu Dashain, da kleidet man sich auf dem Lande gern komplett neu ein (muss dann auch meist 12 Monate halten, der Zwirn)und in der City gibt es schon mal Schmuck oder ein neues Handy. Und selbstverständlich ohne Ende Zeugs für die Zwerge, die Nepalesen lieben ihre Kinder und haben eine sehr angenehme Umgangsweise mit dem Nachwuchs. Allerdings sind die Blagen hier auch oft zum Fressen niedlich, finde ich wenigstens.
Rotznasige Grüße, auch an deine Mama unbekannterweise.
Johannis
November 6th, 2008 15:04
Dankeschön… !!
Ich habe einen Fable für Kinder…
November 7th, 2008 01:45
@ Johannis und die anderen:
nachdem zunächst alle Plugins versagt haben, habe ich jetzt eine Extraseite mit einer Bildergalerie angelegt, die alle Bilder des zweiten Beitrag anzeigt.
Der Link lautet http://www.sheng-fui.de/wp-content/uploads/2008/11/nan
Für die übrigen Lesern habe ich den Bildergalerie-Link in der Einleitung zum Beitrag mit einem entsprechenden Satz hervor gehoben.
Grüße nach KTM und den Rest des Universums
Lorenz
November 7th, 2008 01:51
@ Johannis:
wegen der neu eingebauten Bildergalerie konnte ich die Dateigröße der Bilder zu diesem Beitrag (und damit Deine Wartezeit im Internetcafe) deutlich reduzieren.
Es gibt also keinen Grund, weiteres Bildmaterial zurück zu halten! Und beschwere Dich jetzt nicht, dass Du im Internet-Cafe wegen der fehlenden Warterei keine Leute mehr kennenlernst…
Energetische Grüße
Lorenz
November 7th, 2008 13:22
[...] Eindrücke. Zusätzlich zu seinen bisherigen Beiträgen Überlebenskämpfer und Feiern bis die Schwester kommt hat er uns eindrucksvolles Bildmaterial übermittelt, das wir Ihnen in einer Galerie vorstellen [...]
November 7th, 2008 16:02
Sehr fein gemacht, Lorenz! Ist doch immer wieder nett zu sehen, wie subtile Manipulation funktioniert, oder war das etwa nicht subtil?
Du bist ja für deinen kreativen Umgang mit der Wahrheit bekannt, aber ich sitze (zum Glück!) nicht im Internet-Cafe zwischen nerviglauten und dauerbekifften Israelis [Kein Rassenhass oder gar Antisemitismus, aber die Israelis sind anerkanntermaßen die niedrigste Kaste der Asientouristen. Keiner mag sie, noch nicht einmal die netten und duldsamen Nepalesen oder die geldgeilen Inder. Sie mögen auch keinen, nur sich selbst, und bleiben daher immer im Pulk. In der Rangliste der Unbeliebtesten Touris werden sie heftig bedrängt von den Russen, die auf Dauer sogar gute Chancen auf die Poleposition haben] vor einer verstaubten, ewig klemmenden englischen Tastatur, sondern brav auf dem Hotelzimmer mit einem Drahtlosmodem plus nepalischer SIM-Karte am eigenen Lappy.
Übrigens, die Übertragungsrate beläuft sich angeblich auf 230,4 kBit/sec, aber es fühlt sich an wie ein knappes Zehntel davon. Und die Sarangi kann ich auch nicht fiedeln, sie klingt eh recht schräg. Wie auch immer, morgen kriegst du den nächsten Text und reichlich Bilder, darunter auch zwei Jungs aus der einheimischen Sarangimafia.
Um es mit H.P. Kerkeling zu sagen: Ich bin dann mal weg, und zwar für 5 Tage. Schöne Grüße von Johannis
November 8th, 2008 19:43
[...] Notizen aus Nepal 1/4: Überlebenskämpfer und Notizen aus Nepal 2/4: Feiern bis die Schwester kommt [...]
November 12th, 2008 00:03
[...] der erste Beitrag der Notizen aus Nepal (Überlebenskämpfer) als auch der zweite Beitrag (Feiern, bis die Schwester kommt) haben bei den Lesern ein gewaltiges Echo erzeugt und unsere großzügigen Blogbesucher [...]
November 19th, 2008 13:31
[...] Serie mit den Notizen aus Nepal ( Beitrag 1: Überlebenskämpfer, Beitrag 2: Feiern, bis die Schwester kommt, Beitrag 3: Verkehrsdurchsage) ist mit diesem Beitrag an ihr Ende gelangt. Wir bedanken uns bei [...]