Meister Wang und die Entstehung des Feng-Shuis: Teil 12
Wu eilte, flankiert von zwei blutjungen Dienerinnen, von der anderen Seite der Halle auf ihn zu. Der kaiserliche Beamte hatte mit seiner prunkvollen Kleidung im bunten Pekingstil, der jetzt offenbar am Hofe modern war, und dem monumentalen Bauch, der es durchaus mit Meister Wangs Vorbau aufnehmen konnte, ein äußerst ehrfurchtgebietendes Auftreten.Auf dem untersetzten Körper thronte das von einem weißen Bart eingerahmte Gesicht mit weit ausladenden Hängebäckchen, einer offenbar vom exzessiven Genuss des feinsten Fusels rotgefärbten Nase und kleinen, verträumten Schweinsäuglein. Seine Erscheinung erinnerte frappierend an die unzähligen Konfuzius-Bildchen, die auf den zahllosen Märkten des Landes für die heimischen Ikonenpinwände verkauft wurden.
Wang grüßte den erhabenen Wu durch eine tiefe Verbeugung, die ihm angesichts seines Bauches, in dem „Mao´s“ Ente immer vergnügter ihre Runden drehte, ein leises Ächzen abrang.
Nach den einleitenden Worten wollte Wu den traditionellen Small-Talk bei einem bescheidenen Begrüßungsimbiss fortsetzen. Mit einem leichten Klatschen der Hände bedeutete er seinen Begleiterinnen die nötigen Vorbereitungen zu treffen.
Bei dem Duo der Freude handelte es sich offenbar um mehr als gewöhnliche Zugehfrauen mit repräsentativer Stellenbeschreibung. Das Erscheinungsbild ließ jedenfalls keinen anderen Schluss zu. Laszives Makup und zwei Dekoltees, die unter dem dahinter herrschendem Druck schon teilweise kapituliert hatten, trafen auf schwarze Strümpfe aus feinster Netzseide. Wang stutzte. Hatte er da eines der verruchten Zungenpiercings aus Jade erhascht? Tatsächlich!
Wus väterlich-lüsterner Tonfall nebst seiner zweideutigen Wortwahl, mit dem er die beiden zeigefreudigen Lotusblüten auf die Reise ins Speisezimmer schickte, um den obligatorischen Tee zu bereiten, räumte den letzten Rest eines Zweifels aus. Das Duo der Freude kicherte scheinbar schamhaft mit niedergeschlagenen Augenlidern hinter vorgehaltenen Händen und stöckelte davon.
Wang seufzte unhörbar. Schon Tse Tang der Ältere warnte davor, den eigenen Kalligraphiepinsel in die Haustinte zu tauchen. Nicht, dass er viel auf diese ohnehin nur mündlich überlieferte Regel des Altmeisters gab.
Der Altmeister hatte schon zu Lebzeiten mit seinem Kumpel Lao Tse – ebenfalls im Nebenberuf zu seiner Tätigkeit als klassischer Regelschmied ein notorischer Beziehungsluftikus – richtig krachen lassen und galt jahrelang als Schrecken aller Schwiegermütter.
Ein wesentlich scherwiegender Grund hielt ihn von derlei Eskapaden ab: Missis Wang. Das untrügliche Gespür seiner Angetrauten für derartige Zerstreuungen wurde nur noch von ihrem Gewicht übertroffen.
Dabei bekam Meister Wang immer sofort rote Bäckchen, wenn er an all die jungen und emsigen Bienchen in seinen Diensten dachte, die in ihren viel zu kurzen Röckchen und knappen Miederchen, auf ihren kleinen, anmutigen Füßchen mit wackelnden Hinterteilchen durch die Kämmerchen und Vorzimmerchen seines bescheidenen Häuschens trippelten, um mit ihren Staubwedelchen jedes noch so kleine Körnchen und Schmutzpartikelchen hinweg zu fegen, bevor es seine Aufmerksamkeit beleidigte. Die anmutigen Häschen, die stets, wenn er ihnen begegnete, ehrfurchtsvoll die mandelförmigen Äuglein niederschlugen und nur verschämt sein voluminöses Wohlstandsbäuchlein musterten.
Aber die Strafe für einen unvorsichtigen Fehlgebrauch seines „Kalligraphiepinselchens“, wie Missis Wang ihn immer repektlos bezeichnete, würde furchtbar sein. Ein kaltes Schäuderchen lief über Meister Wangs Rücken. Energisch wischte er das Häppchen Sabber, das ihm aus seinem lüstern verzogenen Mundwinkeln gelaufen war, mit dem weit geschnitten Ärmelchen seines reich bestickten Ausgangsgewandes ab. Solcherart Freuden waren ihm in den eigenen vier Wänden leider verwehrt!
Hier wehte allerdings ein anderer Wind. Offensichtlich hatte Missis Wu nichts gegen die gepiercten Konkubinchen ihres beneidenswerten Mannes einzuwenden.
Der Neid fördert den Hang zur Nachahmung. Wie so oft wünschte sich Wang in diesem Augenblick nichts sehnlicher, als weniger Yin & Yang und dafür mehr Mai Ling und Bai Ling…

