Bissiger Blogger, Buchautor und Sheng-Fui-Sympathisant: Johannis R. Jappen ist ein Mann, der “die Sarangi (Fiedel), Murali (Bambusflöte) und die Dudra (Zupfinstrument) gleichzeitig spielen kann” (Nepalesisches Sprichwort, am ehesten mit Tausendsassa übersetzbar). Daneben ist er Vorstandsvorsitzender der Hilfsorganisation HOPE e.V. und kümmert sich um Entwicklungsprojekte im fernen Nepal und hilft dort in Not geratenen Menschen. Im Anschluss an seinen jährlichen Nepal-Besuch hält sich Johannis nun in Neuseeland auf und berichtet nahezu exklusiv für uns in einer vielleicht mehrteiligen Serie über seine Eindrücke.
Kommunikationsfreude
Kiwis, wie die Neuseeländer nach ihrem Wappenvogel und nicht etwa nach der Frucht, die eigentlich den Namen chinesische Stachelbeere trägt, genannt werden, sind oft einsam. Daher rotten sie sich zunehmend in Städten zusammen, in Auckland allein lebt mehr als ein Viertel der Gesamtbevölkerung. Einsame Menschen sehnen sich vielfach danach, dass ihnen jemand zuhört oder wenigstens Notiz nimmt. So geht es auch mir oft, zum Beispiel mit Lorenz Meyer.
Der letzte Beitrag, in dem ich die verschiedenen Formen neuseeländischer Behausungen unter Berücksichtigung spezieller Eigenheiten und einer Einordnung in sozioökonomische Zusammenhänge behandelte, war ihm natürlich auch nicht recht. Zuwenig Text und insgesamt inhaltlich irgendwie dünn, so könnte man sein unerfreuliches Feedback zusammenfassen. Aber das Damoklesschwert baumelt weiter an seinem seidenen Faden, ist glücklicherweise noch nicht auf mich herabgestürzt. Will sagen, Meyer hat das besagte kompromittierende Bildmaterial, mit dem er mich seit Jahren erpresst, bisher nicht veröffentlicht.
Deshalb sitze sich jetzt wieder vor den Tasten, die für mich manchmal die Welt bedeuten, und quäle mir einen weiteren Gratistext ab. Zum Glück vorerst den letzten. Ich werde so schnell keine Auslandsreise unternehmen und das gesparte Geld sinnvoll investieren. Man findet ja mittlerweile schon für kleines Geld Männer, die diskret und kundig im Umgang mit Sprengstoff, Schusswaffen und allgemeiner Fahrzeugtechnik sind. Oft kommen sie aus dem ehemaligen Ostblock und erledigen unappetitliche Aufträge schnell und gründlich. Meyer sollte sich in Zukunft überlegen, ob es wirklich klug ist, täglich dieselbe Route zwischen Heim und Büro zu befahren. Wenn eines Tages nach dem Drehen des Zündschlüssels nicht das vertraute Geräusch des Anlassers ertönt, sondern etwas, das wie ein erschreckend naher Blitzeinschlag klingt, dürfte er kaum noch Zeit haben, sein Leben Revue passieren zu lassen, sondern befindet sich bereits auf direktem Weg in den Himmel. Stückweise.
Doch zurück nach Neuseeland und zum heutigen Thema Mitteilungsbedürfnis. Weil das Land großteils sehr dünn besiedelt ist und man gerade dort, wo am nötigsten wäre, keinen Mobilfunkempfang hat, neigen die Kiwis zum Schilderwahn. Überall finden sich handgemalte oder professionell gedruckte Hinweise, mit denen Neuseeländer Kontakt zu vorbeirauschenden Mitmenschen aufnehmen wollen, weil sie leider keine Flatrate haben und mangels Funknetz auch keine SMS verschicken können. Ich befürchte jedoch, dass nur wenige Reisende ihre Fahrt unterbrechen, um einen kurzen Schwatz über den Weidezaun hinweg zu halten oder sogar tiefer in das Leben eines einsamen Einsiedlers einzudringen, wie es mir mit Stewart aus dem vorigen Beitrag gelang. Weil Stewart sich mit der publikumswirksamen Verschriftlichung existenzieller Themen schwer tut, lässt er einfach sein Grundstück derart malerisch verkommen, dass gelegentlich Leute zum Fotografieren anhalten, die er dann wie zufällig ins Gespräch verwickelt.
Ähnlich wie in der vergangenen Woche möchte ich wieder eine Auswahl von Bildern präsentieren, an denen sich verschiedene Kommunikationsstrategien ablesen lassen. Da ist zum einen das Hinweis- und Angebotsschild, mit dem die katholische St. Johannis-Gemeinde in Little River auf ihre samstägliche Messe hinweist, obwohl die Kirche seit Monaten nicht betreten werden kann. Eine Hippiekommune bietet hingegen in der Nähe des Arthur’s Pass gleich drei verschiedene Waren beziehungsweise Dienstleistungen an, und zeigt damit, dass auch im alternativen Lifestyle längst nach modernen Marketingregeln diversifiziert wird. Geistheilung und Wahrsagerdienste, dann Pungas, das sind Setzlinge einheimischer Pflanzen, und schließlich selbstgemachte Seife – was für ein klug gemixtes Angebot, das ich nur der morgendlichen Tageszeit wegen nicht in Anspruch nahm. Hippies haben es ja meist nicht so mit dem Frühaufstehen.
An vielen Stellen sieht man Warn- und Protestschilder, die den allzu arglosen Umgang der Neuseeländer mit Giften aller Art verdeutlichen. 1080 ist ein hochgiftiger Stoff, der in vielen anderen Ländern längst verboten ist, hier aber als Bestandteil von giftigen Ködern aus Hubschraubern abgeworfen wird. Flächendeckend, nahezu im ganzen Land. Ziel ist die Dezimierung des aus Australien eingeschleppten Opossums, welches angeblich Tuberkulose verbreitet und somit das kostbare Milchvieh bedroht. Außerdem fressen die putzigen Pelztiere zu viele Blätter und gelegentlich auch Vogeleier, obwohl ihnen der Inhalt von Müllsäcken, die arglose Touristen auf Campingplätzen herumliegen lassen, deutlich lieber ist. Ich habe übrigens einige Aspekte dieses Themas vor einigen Wochen in meinem Blog ausführlich behandelt. Für 1080 ist eigentlich nur die Lobby der Milchbauern, gegen 1080 ist fast das ganze restliche Land, denn das vom Helikopter herabfallende Gift tötet Vögel, Fische, Hunde und andere nicht unbedingt hassenswerte Tiere in großer Zahl. Sandfliegen leider nicht, außer sie werden von den Köderbrocken direkt getroffen. Schade.
Ganz wichtig sind alle Formen des Humorbeweises, die man wirklich reichlich findet. So entdeckte ich kürzlich ein Schild, das Autofahrer in seiner reinen Form auffordert, die Straße rücksichtsvoll mit Radfahrern zu teilen. Ein grafisch begabter Witzbold hatte, in Anlehnung an die beliebte und satirische Werbekampagne einer Großbrauerei, das lakonische Yeah right… druntergeklemmt, mit dem die blödelnden Werbeleute seit Jahren offensichtlichen Unsinn entlarven. Beispielsweise die Behauptung, männliche Konsumenten ihrer Biersorte würden am Wochenende nicht in Kneipen hocken, sondern stattdessen lieber mit Frau oder Freundin einen romantischen Abend daheim verbringen. Yeah right.
Gut gefallen haben mir auch zwei Schilder eines Bauern, der ganz praktisch vorschlägt, man solle mehr Bürokraten entlassen, um dadurch neue Jobs zu schaffen. Sack a bureaucrat – create 10 Jobs, so lautet seine einfache Rechnung. Wahrscheinlich stimmt das sogar, wenn es nicht sogar mehr als zehn sind. Unsicher war ich bei großflächigen Schildern am State Highway No. 1, auf denen die Lobby der Forstwirte direkt neben brutalstmöglich gerodeten Hügeln zum stärkeren Verbrauch neuseeländischer Holzprodukte aufforderte. Das soll aber wahrscheinlich kein Witz sein, wie man bei genauem Hinschauen am abgebildeten Baumstamm erkennt, der die Silhouette einer Autokarosse hat.
Garantiert nicht ernst gemeint sind die gelegentlich entlang der Landstraßen zu findenden Sammlungen gebrauchter Kleidung. Ein hundertfünfzig Meter langer Zaun, behängt mit Schuhwerk in allen Größen und Formen, besagt nicht etwa, dass es einem dort automatisch die Schuhe auszieht. Ebenso wenig sollen große Mengen Damenunterwäsche eine verklausulierte Aufforderung nach dem Motto „Zeig mir deine Titten, Baby“ sein. Ich hingegen weiß, was ich Herrn Meyer jetzt gern zeigen möchte, und es ist direkt zwischen Zeige- und Ringfinger angewachsen. Aber um des lieben Friedens willen verzichte ich auf weitere Provokationen und verabschiede mich bei den Lesern artig mit besten Grüßen aus dem Land der langen weißen Wolke.
Die Neuseelandreihe von Johannis Jappen im Überblick:
Neues aus Neuseeland (1): Zu Gast bei den Antipoden
Neues aus Neuseeland (2): Häusliches
Neues aus Neuseeland (3): Kommunikationsfreude
Das Perlenschwein hat gesagt, ich soll hier nen Kommentar hinschreiben.
Unterhaltsamer Text.
Das Perlenschwein will einen Lesebeweis? Das mit den BHs glaube ich erst, wenn er sie bei der Rückreise im Koffer hat.