Bissiger Blogger, Buchautor und Sheng-Fui-Sympathisant: Johannis R. Jappen ist ein Mann, der “die Sarangi (Fiedel), Murali (Bambusflöte) und die Dudra (Zupfinstrument) gleichzeitig spielen kann” (Nepalesisches Sprichwort, am ehesten mit Tausendsassa übersetzbar). Daneben ist er Vorstandsvorsitzender der Hilfsorganisation HOPE e.V. und kümmert sich um Entwicklungsprojekte im fernen Nepal und hilft dort in Not geratenen Menschen. Im Anschluss an seinen jährlichen Nepal-Besuch hält sich Johannis nun in Neuseeland auf und berichtet nahezu exklusiv für uns in einer vielleicht mehrteiligen Serie über seine Eindrücke.

Otto und Helga Normalverbraucher denken ja gemeinhin, dass Schriftsteller und solche, die sich dafür halten, ungemein interessante und angenehme Zeitgenossen sind, voller Humor und Geistesreichtum, die untereinander freundlichen Umgang und regen Austausch pflegen und zusammenhalten wie Pech und Schwefel. Das ist natürlich Quark, oder Bullshit, wie man hier unten sagen würde. Jeder Schreiberling kämpft mit Haken und Ösen um Leser und Honorare, kein Schriftsteller gönnt einem anderen auch nur das Schwarze unterm Fingernagel. Tut mir leid, aber so ist es eben.

Ich verbreite mich hier nicht etwa, weil ich an unheilbarem Schreibzwang leide oder um dem Betreiber dieser Website einen Gefallen zu tun. Eher im Gegenteil. Aus Gründen, die ich keinesfalls erläutern möchte, hat Lorenz Meyer mich in der Hand und presst mir gelegentlich ein paar kostenlose Beiträge ab, um das recht einseitige Angebot seiner Webseite etwas interessanter zu gestalten. Vor zwei Jahren erging es mir ähnlich und ich musste während einer Nepalreise vier ellenlange und aufwendig bebilderte Beiträge 1 2 3 4 abliefern, die hier zwar ein erfreuliches Echo fanden, für die ich aber außer ein paar Sticheleien und den üblichen Boshaftigkeiten nichts von ihm bekam. Nun ist es mal wieder so weit – er hat mich am Kanthaken und ich schreibe wieder umsonst und gratis.

Ihr fragt euch, ob sich Lorenz Meyer diese unfroh-despektierliche Einleitung einfach so gefallen lassen wird? Nichts könnte mir schnurzer sein, von mir aus kann er sich derart aufregen, dass seine Magengeschwüre platzen und er innerlich verblutet. Wenigstens wäre ich dann endlich frei und müsste nicht länger als gesichtsloser Schreibsklave nach seiner Pfeife tanzen.

Auf meiner eigenen Internetplattform habe ich mich bereits ad nauseam darüber verbreitet, dass ich seit Mitte November in Neuseeland bin und das Land in einem japanischen Kombi bereise, der mir vielfach auch als Nachtlager dient. Wer zuviel Tagesfreizeit und absolut nichts Besseres zu tun hat, kann meine peinlich-schwärmerischen Berichte dort nachlesen (1 2 3 4 5 6).

Als Meyers Drohungen kürzlich immer wüstere Formen annahmen und seine Forderung nach kurzweiligen Texten kaum noch zu ignorieren war, überlegte ich, wie ich mir diese lästigen Aufgabe möglichst einfach vom Hals schaffen könnte. Speziell im Urlaub erledige ich unangenehme Dinge meist schludrig, und bin fest entschlossen, an diesem Muster eisern festzuhalten. Folglich kupfere ich frech bei mir selber ab und serviere euch ein lieblos zusammengerührtes Menü, ähnlich wie ich es vor zwei Jahren in Nepal kreierte.

Verkehr interessiert fast alle Menschen, viele haben sogar Verkehr oder nehmen irgendwie daran teil. Der Beitrag „Verkehrsdurchsage“, den ich Lorenz Meyer im November 2008 aus Kathmandu schickte, fand erstaunlich viel Anklang und wurde später sogar irgendwo abgedruckt. Also geht es heute um Verkehr in Neuseeland, wobei ich mich strikt auf Geschehnisse beschränken werde, die auf den Straßen stattfinden. Kernaussage: Neuseeländer fahren genau wie die Nepalesen, nur anders. Punkt.

Gern würde ich es bei diesem Statement belassen, befürchte aber, dass damit der Meyersche Bogen geringfügig überspannt würde. Deshalb liefere ich noch ein paar halbherzige Ergänzungen nach und hübsche das Ganze mit eher langweiligen Fotos auf. Also los.

Wie jeder weiß, verteilt sich Neuseeland auf verschiedene kleine und zwei große Inseln. Weil das Land schlampig konstruiert und insgesamt ziemlich unaufgeräumt ist, gibt es kaum ebene Flächen, keine geraden Linien und oftmals stürzen sich üppig begrünte Bergflanken direkt in eins der angrenzenden Meere hinab.

Das und die seltsame Eigenart der neuseeländischen Straßenbaubehörden, die Trassen der Landschaft anzupassen, statt es wie in Deutschland umgekehrt zu tun, führt zu extrem kurviger Streckenführung. Das am häufigsten anzutreffende Straßenschild zeigt daher ein aufwärts strebendes Spermium in Kombination mit einer Kilometerangabe. Dieses leicht verunglückte Piktogramm warnt allgegenwärtig vor Kurven, nicht etwa vor ungeschütztem Geschlechtsverkehr. Einerseits ist die Gurkerei durch meist subtropisch-sattgrüne Gegenden recht nett, aber manchmal wünscht man sich, die Neuseeländer würden mehr mit Bulldozern und Sprengstoff zuwerke gehen, um hier und dort ein paar anständig schnurgerade Landstraßen nach deutschem Muster zu bauen.

Anders als in Nepal haben Autos hier reichlich Pferde unter der Haube. Sechs Zylinder sind Standard, es dürfen aber auch gern acht sein, die bevorzugt in V-Form angeordnet sind. Es wird ziemlich gerast, man schneidet todesmutig die vielen Kurven und brettert überhaupt sehr dynamisch durch jene malerischen Landschaften, die Touristen ständig neue Oh-my-God-Aufschreie entlocken, den Einheimischen aber meistens im Weg sind. Vor Kurven weisen Schilder die Höchstgeschwindigkeit aus, welche man einhalten sollte, wenn der eigene Todeswunsch nicht übermäßig stark ausgeprägt ist. Allerdings bin ich gelegentlich auf hinter Kuppen versteckte Haarnadelkurven gestoßen, vor denen die hilfreichen Schilder überraschenderweise fehlten. Meinen Reifen fehlte danach meist ein halber Millimeter Profil.

Hinweisschilder sind überhaupt ein wichtiges Thema im Land der großen weißen Wolke. Man findet sie überall, was zum Entstehen eines ungewöhnlichen Volkssports geführt hat. Man (selten frau) fährt gern angetrunken durch die nicht unbedingt menschenleere Gegend, während der Beifahrer mit Schrot oder Teilmantelgeschossen auf unschuldige Verkehrsschilder ballert.

Besonders beliebt ist ein Männchen, das vor Fußgängern wart. Leider habe ich kein entsprechendes Beweisfoto, weil ich in den Tagen vor Weihnachten recht zügig (selbstverständlich mit sechs Zylindern in V-Form und gut 200 PS) unterwegs war und mir neulich einen polizeilichen Anschiss eingefangen habe, da ich mal wieder zum Fotografieren angehalten hatte. Ja, auf der Autobahn, hier Motorway genannt.

Anhalten und fotografieren – das zeichnet besonders die motorisierte Pestilenz dieses Landes aus, die rund sieben Millionen Wohnmobile. Gut, bei genauer Zählung sind es vielleicht ein paar weniger, aber überall eiern Touristen mit klotzig-überbreiten Monsterkisten oder untermotorisiert-klapprigen Kleinstbussen durch die Gegend, kämpfen mit Technik und Linksverkehr, und immer wenn Jessica juchzt „Oh, kuck mal, Klaus!“ wird sofort und brutal auf die Bremse getreten.

Meist stehen die Mobilheimer dann in einer unübersichtlichen Kurve, knipsen Meer und Berge, Fauna oder Flora, und nur ein supergnädiger Gott beschützt sie davor, im nächsten Moment von einem herandonnernden Milchtankzug oder Holzlaster in die ewigen Jagdgründe befördert zu werden.

Lastwagen muss man sich überhaupt etwas anders vorstellen als bei uns daheim. Sie sind größer, schneller, stärker, sehen gefährlicher aus und sind es auch. Die Zugmaschinen kommen meist aus den USA oder Australien, haben gern über 1000 PS, und solch ein rollendes Ungetüm kann auch abgebrühten Zeitgenossen Respekt einflößen, speziell auf den schmalen Highways, die oftmals das Format einer welligen bundesdeutschen Kreisstraße haben. Lastwagenfahrer sind harte Typen und neulich interviewte ich zwei von ihnen unterwegs, als sie neben ihren Trucks Kaffee schlürften. 30.000 Liter Diesel hatte der eine geladen, der andere dieselbe Menge Flugbenzin. Wenn solche Lastzüge mit hundert Sachen heranpreschen, darf man sie wohl ohne Übertreibung als rollende Bomben bezeichnen. Übrigens, das Hobby der beiden Treibstoffspezialisten ist Biertrinken. Aber nicht am Steuer, versicherten sie feixend, da würde man zuviel verschütten. Prost!

Zum Schluss noch eine neuseeländische Eigenheit, die One-Lane-Bridge. Einspurige Brücken findet man überall im Land, auch auf den Highways. Sie verstecken sich, genau wie ihre Verwandten, die in den nackten Fels gehauenen Engpässe, gern hinter Hügelkuppen und Haarnadelkurven. Plötzlich taucht ein Schild auf, das entweder Vorfahrt gewährt oder bei Gegenverkehr zum Anhalten zwingt, danach steht in weißer Schrift ONE LANE BRIDGE auf dem Asphalt, und wer dann noch nicht wach geworden ist, endet schlimmstenfalls in der angrenzenden Schlucht, wie meine Fotos belegen. Manchmal sind solche Brücken, an die elend breiten Flüsse dieses unzähmbaren Landes angepasst, einen halben Kilometer lang oder so schmal, dass nervöse Fahrer sie nur nach Einnahme von mindestens 10 Milligramm Valium überqueren mögen.

Alles in allem ist Autofahren in Neuseeland aber deutlich angenehmer als in Deutschland oder Nepal, ja es macht oftmals sogar regelrecht Spaß. Das liegt einerseits an der ständig vorbeirollenden und außergewöhnlich gefälligen Fototapete und dann am in vielen Gegenden extrem dünnen Verkehr. Übrigens, obwohl die Kiwis überall Warnschilder aufstellen und sich fast wie amerikanische Sicherheitsfanatiker gebärden, muss man sein Auto hier nicht versichern. Nein, auch keine Haftpflicht. Ob ich denn meine Karre wenigstens ordnungsgemäß versichert habe? Kein Kommentar.

So, das muss jetzt aber fürs Erste reichen. Falls Lorenz Meyer nicht auf weitere Lieferungen verzichten sollte, melde ich mich kommende Woche wieder. Zähneknirschend.

Die Neuseelandreihe von Johannis Jappen im Überblick:

Neues aus Neuseeland (1): Zu Gast bei den Antipoden
Neues aus Neuseeland (2): Häusliches
Neues aus Neuseeland (3): Kommunikationsfreude

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One Response to Neues aus Neuseeland (1): Zu Gast bei den Antipoden

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