Meister Wang und die Entstehung des Feng-Shuis: Teil 18
Meister Wang hatte mal auf dem Markt einen Kugelfisch gesehen, der sich voll Wasser pumpte, bis er einem glotzäugigen Ball glich, der kurz vor dem Platzen stand. Der kleine Fisch musste sich zwar mit seiner Performance deutlich der von Missis Wang geschlagen geben, aber wenn es um die Plätze auf dem Siegertreppchen ging, wurde er in diesem Moment eben von Wu überholt, der nun noch einen drauflegte. Seine wedelnden Arme und die Mimik erinnerten frappierend an die allseits bekannte Pantomime aus der populären chinesischer Oper „Konfuzius kämpft gegen den Drachen und geht danach pünktlich zur Arbeit“.
Wu zeigte eine virtuose Körperbeherrschung. Die weitausholenden Flügelschläge mit den Armen, der rhythmisch im Takt der stampfenden Füße wogende Bauch, das hilflose Krächzen, selbst die obligatorischen Fratzen mit der herausgestreckten Zunge, alles hatte ein wahrlich meisterliches Niveau. Nicht zuletzt Wus allmählich blau werdendes Gesicht atmete Perfektion. Man konnte sich ungemein plastisch vorstellen, wie der große Meister den Drachen nach gnadenlosem Ringen erbarmungslos würgte, bis dieser schließlich kapitulierte.
Meister Wang konnte mit den abstrakten Aufführungen des modernen Avantgarde-Theaters, in denen die Darsteller viel zu häufig unbekleidet ins Publikum sprangen und mit stinkenden Fischen und anderen ungewöhnlichen Requisiten hantierten, nicht viel anfangen. Die dabei aufkommenden Emotionen – Scham, Peinlichkeit, Ekel, Übelkeit – erlebte er auch zu Hause.
Aber hier, hier wohnte er einer Vorstellung im klassischen Stile bei, bei der die hoch stilisierte Mimik und Gestik, vor allem die Ärmelgesten, nur von Eingeweihten zu verstehen sind. Lediglich die übliche akustische Untermalung, bei der im Hintergrund eine Gruppe von volltrunkenen Autisten im 12/9-Takt auf viersaitige Mondgitarren (Yueqin), Trommeln, Becken, Glocken und andere Zimbeln schlägt, fehlte.
Meister Wang war versucht Beifall zu klatschen. Selbst der namenlose Kellner, der gerade den Raum mit einem Tablett voller Kirschblütentörtchen betreten hatte, erstarrte ob der spontanen Vorstellung seines Herrn zu ehrfürchtigem Staunen. Lediglich Wus immer verzweifelter werdendes Krächzen ruinierte dann doch noch eine fehlerfreie Performance.
Nicht alle Anwesenden konnten das Schauspiel genießen. Miezuki hatte sich angesichts des Gemetzels zwischen Konfuzius und dem Drachen, das plötzlich vor seinen Augen anhub, panisch mit allen drei Pfoten an das nächstbeste Tischbein gekrallt. Mit der vierten hielt er sich verängstigt die Augen zu. Hin und wieder lugte er zitternd durch seine gespreizten Krallen auf das dem Höhepunkt entgegen strebende Bühnenwerk. Offenbar ging er nur selten in die Oper.



Der Meister-Wang-Zyklus gleicht einem Spiegel. Wenn ein Esel hinein blickt, wird kein Apostel zurück schauen. Mit etwas Glück reicht es vielleicht für eine Katze – oder eine Eule.
Tut mir wirklich leid für Dich, aber laß den Kopf nicht hängen, dass Du nur einen schrägen Vogel siehst, wenn Du in den Spiegel blickst. Die Eule ist ja auch ein ziemlich schräger Vogel.