Meister Wang und die Entstehung des Feng-Shuis: Teil 16
Meister Wang war gerettet. Insgeheim dankte er allen Göttern des Sheng-Fui-Universums, dass ihm sein blinder Kammerdiener am Morgen neben dem Paar warmer Lieblingssocken aus herrlich plüschiger Häschenwolle auch seinen blau-silbernen Flanierkaftan herausgelegt hatte.
Das extravagante Kleidungsstück besaß nicht nur eine unglaublich großzügig bemessene Taille in modern ausladender Faßform, sondern genauso unglaublich weit geschnittene Ärmel. Darin hätte sogar der knusprig-flambierte Esel Platz, den die Bediensteten soeben mit vereinten Kräften herein wuchteten.
Für einen Moment vergaß Meister Wang die in seinem Bauch tobende Ente und kicherte leise vor sich hin. In seinen geräumigen Ärmeltanks konnte er all die aufdringlichen Leckereien in handlichen Kilopaketen heimlich verschwinden lassen, nachdem er sie sich zuvor scheinbar gierig zum Mund geführt hatte. Einen lässigen Armschwung später würde sich eine Etage tiefer Wus verfressene Luxuskatze gierig darüber hermachen. Heftiges Schmatzen und rücksichtsloses Alibikauen sollte seine kleine Gaukelei abrunden.
Angesichts dieses vielversprechenden Plans steigerte sich Wangs Kichern zu einem euphorischen Grunzen. Was war er doch für ein Ausbund an Klugheit. Sogar Missis Wang wäre stolz auf ihn, wenn er ihr beim abendlichen Appell im Schlafzimmer stolz von seiner Heldentat erzählen würde. Missis Wang hätte vielleicht sogar ein paar lobende Worte für ihn, wenn sie dafür zwischen zwei Bissen ihres mehrgängigen Einschlafbuffets Zeit finden würde. Die offensichtlichen Parallelen zwischen seiner Frau und Miezuki brachten ihn abrupt zurück in das Hier und Jetzt. Zunächst musste er die überaus beleibte, verfressene Katze auf Mülleimerentfernung heranlocken.
Miezuki hatte sich auf halben Weg zwischen Eingang und Festtafel auf sein gut gepolstertes Hinterteil niedergelassen und warf einen desinteressierten, scheinbar gelangweilten Blick auf das heftige Treiben an Wus Tafelrunde. Der buschige Schwanz, der sich erwartungsvoll von einer Seite zur anderen bewegte, verriet jedoch seine tatsächlichen Intentionen. Der glibbrige Sabber, der dem Kater aus den Mundwinkeln troff, hatte bereits eine glänzende Pfütze hinterlassen. Miezuki wollte keinen bescheidenen Imbiss aus Nahrungsergänzungsstoffen zu sich nehmen. Miezuki wollte fressen, wie der sagenumwobene neunköpfige Affe der Apokalypse.
Während Wu zwischen zwei Häppchen des flambierten Esels von der Gründung einer kaiserlichen Nachttopfmanufaktur berichtete, die sich anschickte, den Markt mit der Auslieferung von Porzellantöpfen zu revolutionieren, lockte Wang Miezuki unter dem Tisch mit dem Rest der Entenkeule, die ihn zuvor fast ins Unglück gestürzt hätte.
Es funktionierte! Miezuki richtete einen hypnotisierten, sehnsüchtigen Blick auf den lockenden Köder. Die kleine Nase zuckte im Bratenwind. Miezuki hatte die Witterung der delikaten Stopfleberente aufgenommen.
Während Wu von den Porzellannachttöpfen, so genannten Ei-Po-Dies schwafelte, die in Kürze die bislang allgegenwärtigen Holzgeschirre mit traditionellem Blümchenmuster verdrängen sollten, hatte es Meister Wang geschafft. Miezuki pirschte sich scheinbar unbemerkt an die feiste Keule der Pekingente heran. Eigentlich schob er sich mit den Hinterfüßen, Kopf auf dem Boden, Hinterteil nach oben, über das goldziselierte Parkett des Speisezimmers, während er hektisch mit den Augen seine unbeobachtete Fortbewegung absicherte. Ein praller, fellgenähter Kartoffelsack, der schildkrötengleich zum rettenden Meer strebt.
Miezuki hatte die begehrte Entenkeule mit kurzen Verschnaufpausen fast erreicht. Meister Wang konnte bereits das Kleingedruckte auf dem Halsband entziffern: „Nicht füttern! Strikte Diät!“
Wang zuckte mit den Schultern. Sei´s drum. Wie bereits Tse Tsang der Ältere schrieb:
Jeder denkt nur an sich, nur ich nicht, ich denk an mich.
Aus der Nähe glich Miezuki noch mehr einem voluminösen Fellsack. Wang war zufrieden. Im geräumigen Innern des mopsgesichtigen Katers schien auf jeden Fall genug Platz für den Küchenoutput der nächsten Stunde zu sein.



In der Sheng-Fui-Geschichtswissenschaft ist immer noch umstritten, ob es nur die Ente oder die Kräutersoße oder sogar die Kombination von beiden Zutaten war, die zu dem historischen Wendepunkt geführt hat. Nach meinen Forschungen war es wohl höchstwahrscheinlich eine tödliche Kombination durch Mao´s himmlischem Entenspieß, die letztlich Meister Wang zu verzweifelten Maßnahmen geführt hat und die Geschichte für immer verändert hat.
Zu 1.) Meister Wang hat das nicht gesagt. Das war ein Feuilleton-Schreiberling über Deine Namensvetterin von 9Live.