Meister Wang und die Entstehung des Feng-Shuis: Teil 20
Miezuki war kein stolzes Tier. Meist schleppte er seinen voluminösen Körper nur schwer atmend durch das Haus und versuchte nicht aufzufallen. Sein kurzes Leben diente nur einem Zweck: Das Ansehen seines Herrchens zu mehren. Er war ein Sklave seiner Züchtung, ein Opfer seines Stammbaums, der Luxus seines Herrn. Ein lebender Einrichtungsgegenstand – voller Stolz präsentiert, gelitten, aber nicht geliebt.
Die Dienerschaft empfand ihn als Last, ja verachtete ihn geradezu. Ein unnützer Esser mehr. Oft genug ließen ihn ihre Ablehnung spüren, schlugen ihm die Türen vor der empfindlichen Nase zu oder traten ihm scheinbar versehentlich auf den ebenso empfindlichen Schwanz, wenn sich Miezuki wieder einmal faul auf der sonnigen Terrasse oder auf einem der plüschigen Teppiche des Hauses von den Strapazen seines Daseins ausruhte. Mit regelmäßiger Boshaftigkeit vergaßen sie es, sein Alabaster-Klo zu reinigen und frisches Katzenstreu auszulegen. An all diese kleinen Demütigungen des Alltags hatte er sich gewöhnt, nahm sie seufzend hin. Nein, Miezuki war kein stolzes Tier.
Er hasste die Diäten, die ihm verordnet wurde, um die Nachteile der Züchtung auszugleichen. Viel zu oft schlich er sich hungrig in die Küche und fraß von den kümmerlichen Brosamen, die bei der Zubereitung von Wus legendären Fressgelagen auf den schmutzigen Boden fielen und mit dem Besen in eine Ecke gekehrt wurden. Er hasste sich dafür, aber der Drang, seinen unstillbaren Hunger zu befriedigen, zwang ihn dazu, seine Selbstachtung zu vergessen und wie eine gemeine Hausratte von den Abfällen des Wohlstands zu leben. Oft verkroch er sich in seine geliebte, warme Ecke in der dunklen Besenkammer und weinte bitterliche Tränen. Dann sehnte er sich danach, von seinem Herrchen einfach in die Arme genommen und gestreichelt zu werden. Ein paar freundliche Worte zu hören, um dann sanft zu dessen Füßen einzuschlafen.
Miezuki kannte Tse Tsang, den Älteren nicht, aber als dieser sein populäres Alterswerk über Haustierhaltung „Dein Freund die Katz´“ geschrieben hatte, musste er vor seinem geistigen Auge eine Vision gehabt haben, die Miezuki glich. Wahrscheinlich hatte er dabei ebenfalls lange und ausdauernd geweint.
Manchmal wollte Miezuki frei sein, frei wie die Katzen auf der Straße. Frei von allen Zwängen, frei, das zu tun, was er gerade tun wollte. Er wollte fressen was er wollte und wann er es wollte. Er wollte mit den anderen Katzen toben, Katzendamen den Hof machen und mit ihnen anschließend die eine oder andere Ferkelei praktizieren. Gleichzeitig schreckte er vor einem Dasein ohne soziales Sicherungsnetz, ohne geregelten Tagesablauf, ohne fest installierte Toilette und vor allem ohne feste Mahlzeiten zurück. Nein, dafür war er nicht geschaffen. Ganz zu schweigen von seiner mangelnden Fitness. Er schaffte es ja nicht einmal, ohne Herzrasen von seiner gut gepolsterten Schlafstätte am anderen Ende des Hauses ins Speisezimmer zu watscheln und sein hoher Blutdruck verbot ihm ohnehin jegliche sexuelle Eskapaden.
Aber nach dem schmerzhaften Tritt seines Herrchens, an das er sich in der Stunde größter Pein hilfesuchend gewandt hatte, entdeckte er den Stolz seiner wilden Vorfahren wieder. Adrenalin schoss durch seine Adern und ließ ihn alle Schmerzen und das weiche Gefühl in den Muskeln vergessen.
Miezuki kreischte durchdringend und ging mit allen Vieren in die Luft. Er sprang Wu an, wie das mythische Kaninchen des Todes. Nicht so schnell, aber dank der zehnfachen Masse, ungemein wuchtig. Die langen Krallen bohrten sich durch die Kleidung in den Bauch seines Herrchens. Wu quiekte erschreckt auf.
War der Raum bereits zuvor ein Unruheherd gewesen, verwandelte er sich nun von einem Moment auf den anderen in ein Tollhaus. Miezuki und Wu kreischten im Chor. Bai Ling rief mit piepsiger Stimme lautstark um Hilfe. Mai Ling und Namenloser-Kellner eilten herbei, packten Miezuki an den heftig strampelnden Hinterläufen und versuchten die angedockte Katze, die sich in von einem Moment auf den anderen, in eine reißende Bestie verwandelt hatte, von ihrem Herrn und Meister loszureißen.
Meister Wang konnte nicht glauben, welche beachtliche Länge ein beleibter Kater aus kaiserlicher Aufzucht erreichen konnte, wenn man nur an ihm kräftig zog. Erstaunlich auch, wie sich ein gut gepolsterter Wohlstandsbauch verformen konnte, wenn sich eine wütende Katze mit rasender Todesverachtung daran klammert. Letztlich galten aber auch hier die Gesetze der Physik, wonach alles eine Grenze hat, wenn man nur kräftig genug zupackt…



Heute hätte Wu sofort die Tierschütze am Hals, mit recht!
Feng Shui weiß die Tiere zu ehren: ein weiblicher ´Drache ist der Mann, ein männlicher Tieger ist die Frau
eine Schildkröte spielt die Mama und vorne steht der stolze Papa –
ein Phönix…
und alles nach dem Motto: von nix kommt nix.
Mist! Wieso kann man die Kommentare nicht redigieren?????
Tiger nicht Tieger!!!!
“ein weiblicher ´Drache ist der Mann, ein männlicher Tieger ist die Frau
eine Schildkröte spielt die Mama und vorne steht der stolze Papa – ein Phönix …”
Klingt wie die Speisekarte bei meinem Lieblings-Chinesen.
Hetti, Du hast die mächtige Eule vergessen. Wahrscheinlich hat sie sich aber auch als Phönix verkleidet.
Na klar muß man die Tiere ehren, besonders die, die gut schmecken. Und was die Eule und den Phönix angeht, dazu laßt Euch berichten:
Nachdem ich in meinem Schatzkämmerlein eine Eulenfalle aufgestellt habe, muß ich keinen Hunger mehr leiden. An Anfang hatte ich mit der Zubereitung des reichhaltigen Fangs noch leichte Probleme, besonders mit dem Rupfen. Aber wenn man die Dinger in Lychee-Likör tunkt, kann man die Federn mit einem handelsüblichen Lötkolben bestens absengen. Das spart Zeit, erfordert aber ein gewisses Geschick und etwas Übung. Denn wenn man etwas falsch macht, legt man die Vögel in Asche. Ein scheinbar irreversibler Vorgang, denn einen Phönix habe ich daraus noch nicht aufsteigen sehen.
viele Grüße, Euer Sho
Vorsicht! Miezuki hat bei der Eule süß-sauer auch die Flagge streichen müssen. Die Viecher sind ungenießbar!
Die Katze schielt.
Was mich am meissten intressiert, wie kam Namenloser-Kellner zu seinem Namen?