Wer hasst, ist taub. Wer neidet, ist blind. Wer zürnt, der lahmt. Und wer liebt, hat alle Gebrechen auf einmal.
Tse-Tang, der Ältere aus “Goldene Weisheiten des Sheng Fui”
Wer hasst, ist taub. Wer neidet, ist blind. Wer zürnt, der lahmt. Und wer liebt, hat alle Gebrechen auf einmal.
Tse-Tang, der Ältere aus “Goldene Weisheiten des Sheng Fui”
Der Vorstandsvorsitzende der Hilfsorganisation HOPE e.V. Johannis R. Jappen kümmert sich um Entwicklungsprojekte im fernen Nepal und hilft dort in Not geratenen Menschen. Zur Zeit hält sich Johannis in Nepals Hauptstadt Kathmandu auf und berichtet exklusiv für uns in einer vierteiligen Serie über seine Eindrücke.
Zusätzlich zu seinen bisherigen Beiträgen Überlebenskämpfer und Feiern bis die Schwester kommt hat er uns eindrucksvolles Bildmaterial übermittelt, das wir Ihnen in einer Galerie vorstellen wollen.
Meister Wang und die Entstehung des Feng-Shuis: Teil 17
Miezuki fraß!
Wu kam zum allgegenwärtigen Thema des Mauerbaus an der Grenze zu den Barbaren – Meister Wang wünschte sich seit längerem so eine Befestigungslinie in seinem Schlafzimmer – und ermutigte Wang die gegarten Fledermausflügel zu probieren.
Miezuki fraß!
Wu redete über die neuesten Trends am kaiserlichen Immobilienmarkt und riss an dem flambierten Esel. Die Katze fraß!
Wu schöpfte Meister Wang eigenhändig eine Kelle delikater Soße aus handgepresstem Kükensaft und legte noch eine rohe Zwiebel oben drauf.
Die unersättliche Katze fraß weiter.
Meister Wang nickte, grunzte, schmatzte und kaute demonstrativ, während er tatsächlich eifrig den Futterfahrstuhl bediente, der Miezuki mit Nachschub versorgte. Wu war nicht entgangen, dass Wang dem üppigen Mahl plötzlich mit gieriger Entschlossenheit zusprach und kalorientechnisch aufholte. Der kaiserliche Beamte hatte endlich einen würdigen Gegner gefunden. Er grunzte zufrieden. Wang konnte trotz seiner Beschwerden, die nun bereits nach einem starken Abführmittel verlangten, nur milde lächeln, als Wu ihn erneut zum Fressduell forderte.
Wu hatte keine Ahnung, dass er tatsächlich gegen seine eigene Katze antrat und mit dem hartnäckigen Vierbeiner um die Wette fraß. Obwohl Miezuki später mit dem Mahl begonnen hatte, schnitt er nicht schlecht ab, wenn man die gefressene Nahrungsmenge pro Kilo Körpergewicht zugrunde legte. Im Gegenteil. Danach hatte Miezuki sein Herrchen bereits vor ca. fünf Minuten überholt und arbeitete nun eifrig am Ausbau seines Vorsprungs.
Aber auch die schier endlose Kapazität der Katze hatte Grenzen. Vielleicht verdarb das Quartett geschnetzelter Eulen süß-sauer Miezuki letztlich den Appetit. Vielleicht war es auch das Pfund Delikatessmaden gewesen, die die Neigung hatten, im Magen auf dreifache Größe anzuschwellen. Jedenfalls schien Miezuki satt zu sein und bekundete das Ende seines Menüs mit einem kläglichen Mauzen. Schwankend erhob er sich und setzte zu einem ausgedehnten Verdauungsspaziergang an. Die unsicheren Schritte glichen denen eines Kalbes, das gerade laufen lernt. Er kam nicht weit.
Ein eigenartiges Geräusch ertönte aus dem über die zulässige Grenze hinaus aufgeblähten Körper. Es klang wie ein prall aufgeblasener Luftballon, der plötzlich losgelassen wird und wild flatternd durchs Zimmer schießt.
Wu ließ sich von dem apokalyptischen Geräusch unter der Tischplatte nicht stören. Er reagierte auch dann nicht, als sich der Kater mit schmerzverzerrtem Gesicht hilfesuchend an seinem Bein rieb. Wu schob sein verzweifeltes Haustier nur beiläufig mit dem Fuß weg.
Eine derartige Behandlung war das adlige Tier offenbar nicht gewohnt und miaute äußerst ungnädig, bevor es erneut hilfeheischend die Nähe seines Herrchens suchte. Miezuki jammerte dabei so stark, dass selbst Buddha eine meditative Pause eingelegt und den Kopf aus der Tür seines stillen Örtchens gesteckt hätte, um nachzusehen, wer da gerade sterben muss. Wu verzog dagegen nur das Gesicht und reagierte nicht. Von einer Katze ließ er sich doch nicht beim Essen stören!
Nachdem alles Jammern umsonst war, verlor Miezuki kurzerhand die Geduld. Mit einem ärgerlichen Fauchen hieb er seinem Herrchen die ausgefahrenen Krallen in den Unterschenkel. Wu, der eben einen schirmchengeschmückten Porzellanbecher mit Reisschnaps vor dem Hals hatte, schrak angesichts dieser unerwarteten Attacke zusammen und verschluckte sich an der Cocktail-Kirsche. Die Schale flog in hohem Bogen über die Festtafel. Mai-Ling und Bai-Ling, beide mit einem Kilo Vanillepudding beschäftigt, quiekten erschreckt im Duett, als sich der Reisschnaps über sie ergoss.
Meister Wang hatte keine Augen für einen Wet-T-Shirt-Contest, da Wu ruckartig aufsprang und nach Luft rang, als wollte er eine öffentliche Rede an das Wahlvolk halten.
Es geht weiter mit:
Teil 18: Der Kugelfisch oder Konfuzius kämpft gegen den Drachen und geht danach pünktlich zur Arbeit
Im Sheng Fui gehört das Rezitieren bestimmter Mantras zum Pflichtprogramm wie der morgendliche Abruf der Tagesweisheit von Meister Tse-Tang (der Ältere) auf dieser Internetseite.
Das repetitive Aufsagen eines bestimmten Wortes setzt ungeahnte spirituelle und mentale Energien frei, so lange man zum rechten Zeitpunkt das rechte Mantra wiederholt. Dabei kommt es keineswegs auf die Lautstärke (ein Mantra kann still, flüsternd, murmelnd, singend, oder schreiend rezitiert werden) an, sondern ausschließlich auf´s richtige Timing.
So liegen beim heutigen, das Element Feuer (sexuelle Energie) stärkenden Mantra “Schienenersatzverkehr” die Betonungen auf den Silben “Schie” und “Ver”.
Um nennenswerte Erfolge zu erzielen, sollte das Mantra mindestens elf Minuten rezitiert werden.
Meister Wang und die Entstehung des Feng-Shuis: Teil 16
Meister Wang war gerettet. Insgeheim dankte er allen Göttern des Sheng-Fui-Universums, dass ihm sein blinder Kammerdiener am Morgen neben dem Paar warmer Lieblingssocken aus herrlich plüschiger Häschenwolle auch seinen blau-silbernen Flanierkaftan herausgelegt hatte.
Das extravagante Kleidungsstück besaß nicht nur eine unglaublich großzügig bemessene Taille in modern ausladender Faßform, sondern genauso unglaublich weit geschnittene Ärmel. Darin hätte sogar der knusprig-flambierte Esel Platz, den die Bediensteten soeben mit vereinten Kräften herein wuchteten.
Für einen Moment vergaß Meister Wang die in seinem Bauch tobende Ente und kicherte leise vor sich hin. In seinen geräumigen Ärmeltanks konnte er all die aufdringlichen Leckereien in handlichen Kilopaketen heimlich verschwinden lassen, nachdem er sie sich zuvor scheinbar gierig zum Mund geführt hatte. Einen lässigen Armschwung später würde sich eine Etage tiefer Wus verfressene Luxuskatze gierig darüber hermachen. Heftiges Schmatzen und rücksichtsloses Alibikauen sollte seine kleine Gaukelei abrunden.
Angesichts dieses vielversprechenden Plans steigerte sich Wangs Kichern zu einem euphorischen Grunzen. Was war er doch für ein Ausbund an Klugheit. Sogar Missis Wang wäre stolz auf ihn, wenn er ihr beim abendlichen Appell im Schlafzimmer stolz von seiner Heldentat erzählen würde. Missis Wang hätte vielleicht sogar ein paar lobende Worte für ihn, wenn sie dafür zwischen zwei Bissen ihres mehrgängigen Einschlafbuffets Zeit finden würde. Die offensichtlichen Parallelen zwischen seiner Frau und Miezuki brachten ihn abrupt zurück in das Hier und Jetzt. Zunächst musste er die überaus beleibte, verfressene Katze auf Mülleimerentfernung heranlocken.
Miezuki hatte sich auf halben Weg zwischen Eingang und Festtafel auf sein gut gepolstertes Hinterteil niedergelassen und warf einen desinteressierten, scheinbar gelangweilten Blick auf das heftige Treiben an Wus Tafelrunde. Der buschige Schwanz, der sich erwartungsvoll von einer Seite zur anderen bewegte, verriet jedoch seine tatsächlichen Intentionen. Der glibbrige Sabber, der dem Kater aus den Mundwinkeln troff, hatte bereits eine glänzende Pfütze hinterlassen. Miezuki wollte keinen bescheidenen Imbiss aus Nahrungsergänzungsstoffen zu sich nehmen. Miezuki wollte fressen, wie der sagenumwobene neunköpfige Affe der Apokalypse.
Während Wu zwischen zwei Häppchen des flambierten Esels von der Gründung einer kaiserlichen Nachttopfmanufaktur berichtete, die sich anschickte, den Markt mit der Auslieferung von Porzellantöpfen zu revolutionieren, lockte Wang Miezuki unter dem Tisch mit dem Rest der Entenkeule, die ihn zuvor fast ins Unglück gestürzt hätte.
Es funktionierte! Miezuki richtete einen hypnotisierten, sehnsüchtigen Blick auf den lockenden Köder. Die kleine Nase zuckte im Bratenwind. Miezuki hatte die Witterung der delikaten Stopfleberente aufgenommen.
Während Wu von den Porzellannachttöpfen, so genannten Ei-Po-Dies schwafelte, die in Kürze die bislang allgegenwärtigen Holzgeschirre mit traditionellem Blümchenmuster verdrängen sollten, hatte es Meister Wang geschafft. Miezuki pirschte sich scheinbar unbemerkt an die feiste Keule der Pekingente heran. Eigentlich schob er sich mit den Hinterfüßen, Kopf auf dem Boden, Hinterteil nach oben, über das goldziselierte Parkett des Speisezimmers, während er hektisch mit den Augen seine unbeobachtete Fortbewegung absicherte. Ein praller, fellgenähter Kartoffelsack, der schildkrötengleich zum rettenden Meer strebt.
Miezuki hatte die begehrte Entenkeule mit kurzen Verschnaufpausen fast erreicht. Meister Wang konnte bereits das Kleingedruckte auf dem Halsband entziffern: „Nicht füttern! Strikte Diät!“
Wang zuckte mit den Schultern. Sei´s drum. Wie bereits Tse Tsang der Ältere schrieb:
Jeder denkt nur an sich, nur ich nicht, ich denk an mich.
Aus der Nähe glich Miezuki noch mehr einem voluminösen Fellsack. Wang war zufrieden. Im geräumigen Innern des mopsgesichtigen Katers schien auf jeden Fall genug Platz für den Küchenoutput der nächsten Stunde zu sein.
Blogger, Buchautor und Sheng-Fui-Sympathisant: Johannis R. Jappen ist ein Mann, der “die Sarangi (Fiedel), Murali (Bambusflöte) und die Dudra (Zupfinstrument) gleichzeitig spielen kann” (Nepalesisches Sprichwort, am ehesten mit Tausendsassa übersetzbar). Daneben ist er Vorstandsvorsitzender der Hilfsorganisation HOPE e.V. und kümmert sich um Entwicklungsprojekte im fernen Nepal und hilft dort in Not geratenen Menschen. Zur Zeit hält sich Johannis in Nepals Hauptstadt Kathmandu auf und berichtet exklusiv für uns (näheres in unserer Beitragsankündigung) in einer vierteiligen Serie über seine Eindrücke.
Da seine Schilderungen ausnahmsweise nichts mit Sheng Fui zu tun haben und aus Gründen der Höflichkeit und des Respekts vor unserem Gastautor, möchte ich Euch darum bitten, in den Kommentaren nur den Inhalt des Beitrags zu diskutieren und die Gemeindegespräche in anderen Beiträgen abzuwickeln.
Johannis steht über ein Internetcafe in Kathmandu mit uns in loser Verbindung und hat versprochen alle Fragen zu beantworten, so es sein angespannter Zeitplan und die desaströse Stromsituation in Nepals Metropole zulassen.
ACHTUNG – Jetzt mit Bildergalerie – ACHTUNG – Jetzt mit Bildergalerie
Der Monat Oktober hatte es diesmal in sich, insgesamt elf gesetzliche Feiertage standen den Nepalesen ins Haus und sind nun überstanden. Dashain, das größte Fest mit sieben offiziellen Feiertagen, dauert eigentlich eine halbe Mondphase, ist aber so kompliziert zu erklären, dass ich kapituliere.
Tihar, auch Diwali oder Deepawali genannt, ist etwas einfacher. Das Festival des Lichts erstreckt sich nur über fünf Tage, von denen an zweien eigentlich sogar gearbeitet wird. In Nepal steht eben nicht das Bruttosozialprodukt im Mittelpunkt des Denkens und Handels, sondern man feiert bis die Schwarte kracht. Schön, oder?
(Auch beim großen Nachbarn Indien gehört Diwali zu den größten religiösen Festtagen, was sogar unsere allmächtige Suchmaschinenmutter Google dazu bewegt hat, dem Fest eines der so genannten Doodles zu widmen.) Doch genug der ironischen Zwischentöne, jetzt kommen Fakten.
Am ersten Tag von Tihar ist Kag Puja. Das Wort Pooja oder Puja (sprich Puhdschah) bedeutet Huldigung, Verehrung, Zeremonie, und Kag ist die Krähe. Also werden am Morgen des ersten Tihartages die Krähen gefüttert. Die allgegenwärtigen Rabenvögel gelten als Götterboten, und da man so einem schwarzen Flattermann schlecht Blumenketten um den schlanken Hals hängen kann, serviert man den Vögeln einmal im Jahr ein schmackhaftes Frühstück.
Kukur Puja prägt den zweiten Tag, konsequenterweise waren heute alle Lokalzeitungen mit Bildern von festlich geschmückten Hundestaffeln aufgemacht. Reihenweise uniformierte Männer, vor sich jeweils einen Schäferhund im Hippielook mit Blumenkette. Auch wenn die meisten Hunde den Rest des Jahres mehr oder weniger verwildert auf Straßen und Plätzen vegetieren, bekommen viele Kläffer am zweiten Tihartag lecker Fresschen und eben den obligatorischen Blumenschmuck, dem auch ich mich bei offiziellen Gelegenheiten nicht entziehen kann. Der angeblich beste Freund des Menschen wird hier verehrt, weil er Schutz vor Angreifern und wilden Tieren bedeutet. Für die nomadischen Tibetvölker, die zeltend mit ihren Herden durchs angrenzende Hochland ziehen, erfüllen gerade die unerschrockenen Mastiffs und wachsamen Tibetterrier diese Aufgabe bis heute. Sie helfen leider nicht gegen die Willkür der chinesischen Besetzer, aber das ist ein anderes Thema.
Am dritten Tag kommt ein Doppelpack, morgens Gai Puja und nach Einbruch der Dunkelheit Laxmi Puja. Gai ist die Kuh, deren heiliger Status sich wohl bis zu uns ungläubigen Westlern herumgesprochen hat. Sie liegt oder steht mit Vorliebe mitten auf der Straße, kaut nachdenklich an einem leeren Pappkarton herum (Cellulose, nahrhaft für Wiederkäuer) und erbringt somit, trotz Klimagasausstoß, ihren Beitrag zum Umweltschutz. Hindus essen kein Rindfleisch, machen aber beim Wasserbüffel gern eine Ausnahme.
Strenggläubige müssen ihr Haus sofort gründlich reinigen, wenn europäische Kuhesser zu Besuch waren. Hat der Gast gar die Schwelle zur Küche überschritten, wird weggeworfen, was dort auf dem Herd köchelte, denn es ist nun spirituell verunreinigt. Nützlich an der heiligen Kuh sind die Milch, die sie angeblich liebend gern von sich gibt (hungrige Kälber sehen das wohl etwas anders), und vor allem der Dung. Brennmaterial, Dünger und – als Politur auf den Lehmfußboden verstrichen oder mit Sand und Stroh vermischt – Baustoff, ja sogar als Heilmittel wird Kuhkacke eingesetzt.
Laxmi ist die Göttin des Wohlstands und der eigentliche Star der ganzen Feierei. Schon am Vortag schrubben plötzlich alle Händler gleichzeitig die eisernen Rolltore ihrer Läden und putzen die Schaufenster. Morgens hängt man dann überall Ketten aus frischen Ringelblumen auf. Gegen Abend werden auf der Türschwelle von kundiger weiblicher Hand komplizierte Mandalas aus Reis, Bohnen, farbigem Pulver, Kerzen und Blüten gelegt und ein Strich aus rotem Ton – von Öllampen gesäumt – führt von dort ins Innere des Hauses. Nachts kommt Laxmi angesaust, findet das Mandala, huscht an der roten Linie entlang ins traute Hinduheim und bringt ihren Segen. Bei mehr als einer Milliarde Hindus weltweit ist Laxmis Job logistisch nicht weniger anspruchsvoll als der unseres Weihnachtsmanns, welcher bekanntlich annähernd mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs ist, um all den braven Kindern Geschenke zu bringen. Wobei ihm wegen der immensen Reibungswärme schon mal die Rentiere verglühen, aber auch das soll hier nicht vertieft werden.
Der vierte Tihartag wird wahlweise dem Ochsen oder der eigenen Person gewidmet, manch einer kann das sehr schön kombinieren. Aber Scherz beiseite – Maha=Ich Puja ist eine tolle Erfindung, die vielen von Selbsthass zerfressenen westlichen Neurotikern dringend zur Nachahmung empfohlen werden muss. Man feiert sich selbst und das Leben, freut sich am Erreichten, übt Demut sowie Dankbarkeit und macht Pläne für die Zukunft. Praktischerweise beginnt zeitgleich auch das neue Jahr der Newari, der Ureinwohner des Tales von Kathmandu. Also Nepal Sambat 1129 statt des aktuellen Jahres 2065 im nepalesischen Kalender, der meist mit Neumond im April beginnt. Verwirrend? Ja, finde ich auch manchmal.
Der fünfte und letzte Tag heißt Bhai Tika. Bhai ist der jüngere Bruder, Tika der meist leuchtendrote Segensfleck, den man hier zu besonderen Anlässen auf die Stirn gepappt bekommt. An Bhai Tika huldigen die Schwestern ihren Brüdern, beschenken sie, waschen ihnen die Füße mit wohlriechenden Essenzen und applizieren eine komplizierte Mischung aus Eiklar, buntem Pigmentstaub, Reiskörnern und Blütenblättern auf der Denkerstirn des Blutsverwandten. Eine schöne Zeremonie, die ich auch schon mal erleben durfte. Wahrscheinlich hat man die betörend liebreizende junge Frau aber nur deshalb auf spirituellem Wege zu meiner Schwester gemacht, um sie vor eventuellen lüsternen Nachstellungen meinerseits zu schützen. Schade.
Ansonsten wird – wie bei uns Ende Dezember – viel zu viel gefuttert, reichlich gesoffen und gelegentlich gestritten. Mann spielt Karten oder würfelt, Frau kocht, trägt auf und spült. Ähnlich wie an Sylvester wird auch hier gern geböllert, wobei man bei uns zum Erwerb hiesiger Feuerwerksartikel die deutsche Sprengmeisterlizenz besitzen müsste. Erst vor wenigen Tagen flog in Indien eine illegale Böllerfabrik in die Luft, unter den 26 Toten waren zehn Kinder, die kleinen Hände sind halt so flink und geschickt.
Einfuhr, Verkauf und das Abbrennen von Feuerwerk sind in diesem Jahr offiziell verboten, aber offenbar hat die Polizei in Kathmandu tausend neue Stellen für Behinderte geschaffen und sofort mit Taubstummen besetzt. Eine Woche lang kracht, zischt, rummst und böllert es von früh bis spät, so manch gefiederte Taube fällt schockiert vom Mauersims, liegt plötzlich herztot im Staub und reckt die Trippelfüßchen in den blauen Oktoberhimmel, aber um das Geballere kümmert sich kein Schwein. Etwas schade, dass in diesem armen Land nach elf Jahren Bürgerkrieg soviel Geld für Knallerei ausgegeben wird. Noch vor zweieinhalb Jahren gingen hier in Kathmandu echte Bomben hoch, wurde geschossen und viel Blut vergossen. Schnee von gestern.
Unverträglichkeiten gegen Lärm sollte man hier sowieso nicht entwickeln, Kathmandu ist einfach eine nervtötend laute Stadt. An den letzen beiden Tihartagen ziehen Kinderhorden und semiprofessionelle Tanztruppen von Haus zu Haus. Sie trommeln, was das Fell hält, schlagen Schellenkränze und singen ihre Lieder. Man wird sie nur mit Geld oder Süßigkeiten los, demnach wurde Halloween wahrscheinlich in Nepal erfunden. Ansonsten ist die Stadt festlich erleuchtet, besonders die Mittelschicht hängt blinkende Lichterketten über die Balkons, bis das chronisch überlastete Stromnetz in die Knie geht.
So, im Nachbarhaus übt mal wieder ein ebenso unbegabter wie wütender Schlagzeuger, der Hinterhof wird weiterhin heftigst für Sprengungen genutzt und demnächst ist wieder Stromsperre. Ich nehme also besser meine Herztropfen und überlege, worüber ich beim nächsten Mal berichte. Bis dahin viele Grüße aus Nepal.
So lange Johannis noch die Kraft findet, seine Herztropfen einzunehmen, so lange wollen wir auch sein Projekt unterstützen und seinen Verein HOPE e.V. mit ein paar kleinen oder großen Spenden unterstützen.
Bereits der erste Beitrag der Notizen aus Nepal hat bei den Lesern ein gewaltiges Echo erzeugt und unsere großzügigen Blogbesucher haben gespendet, was das Zeug hält. Damit der Spendenstrom nicht abreißt, hier nochmal unsere ausdrückliche Aufforderung: Unterstützt HOPE e.V. mit einer Spende über Paypal oder per Banküberweisung auf das Vereinskonto.
Wie kann es ein Ding geben ohne Dauer? Wie kann es eine Dauer ohne Dinge geben? Wie kann es dauernd Dinge geben?
Tse-Tang, der Ältere aus “Goldene Weisheiten des Sheng Fui”
Meister Wang und die Entstehung des Feng-Shuis: Teil 15
Tse-Tang der Ältere:
Der Würgereiz ist der Schwippschwager des inneren Schweinehunds. Hat man beide erstmal im Griff, steht der Zukunft nichts mehr im Weg!
Bisher hatte Meister Wang dem heftigen Würgereiz widerstanden. Kein Wunder, immerhin teilte er sich seit Jahren ein Schlafgemach mit Missis Wang. Jawohl, er hatte eine harte Schule durchlaufen und kannte den Ekel in all seinen zahllosen Manifestationen.
Angesichts der handgemästeten Stopfleberente süß-sauer hatte er jedoch für einen endlosen Moment das Gefühl, der geschnetzelte Artgenosse in seinem Magen stecke den Kopf durch Speiseröhre und Hals, um mal schnell nach dem Wetter zu sehen.
Wu schien Wangs hervorquellende Augen und sein unterdrücktes Gurgeln für pure Fressgier zu halten und schnalzte laut mit der Zunge. Der kaiserliche Beamte rollte lustig mit den Augen, als er Wang auf die wie von Zauberhand erschienene Schüssel aufmerksam machte, die bis zum Rand mit den abgetrennten Extremitäten einer ganzen Hühnerfarm gefüllt war. „Probieren Sie unbedingt auch davon, verehrter Meister!“ Wus befehlsgewohnte Stimme duldete keinen Wiederspruch.
Meister Wang war verloren, er bekam keinen Bissen mehr herunter, jeder noch so zaghafte Versuch würde unvermittelt in die Katastrophe führen. Er war versucht, mit der Ausrede, sein Strumpfband habe sich gelockert, für einen gesegneten Augenblick unter den Tisch zu kriechen und die dreimal verfluchte Ente samt Kräutersoße in die Freiheit zu entlassen.
Aber Konfuzius hatte recht, als er einst in seinem Standardwerk für Glückskekse schrieb: „Wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“ In letzter Sekunde erschien Meister Wang die Rettung, besser gesagt, sie watschelte auf vier Pfoten durch die prunkvoll verzierte Schwingtür des Speisesaals.
Eine behäbige, überproportional beleibte Katze stolzierte mit erhobenem Haupt, ohne die Anwesenden auch nur eines Blickes zu würdigen, in Richtung des heftig tobenden Banketts. Dabei zog sie einen massigen Schwanz von beachtlicher Buschigkeit hinter sich her.
Meister Wang lugte aus den Augenwinkeln auf das im Fell versteckte, kunstvolle Halsband des Neuankömmlings. Riesige Schriftzeichen verrieten Namen und Geblüt des hochherrschaftlichen Tiers: Miezuki der III.
Wang war beeindruckt. Das mopsartige Tier stammte aus der berühmten kaiserlichen Katzenzschmiede. Dort versuchte man seit Jahren, den langhaarigen Biestern, die man einst aus Persien importiert hatte, das Fell weg zu züchten, damit sie auch im feucht-warmen Klima Siams gedeihen konnten. Bislang ohne Erfolg.
Meister Wang hasste Katzen. Eigentlich hatte er nichts gegen sie. Tse-Tangs Spätwerk über Haustierpflege „Dein Freund, die Katz´“ gehörte neben den „Acht Trigramme im Selbstbau“ zur Pflichtlektüre in jeder traditionellen Sheng-Fui-Schule. Meister Wang hatte regelmäßig geweint, als er das herzergreifende Buch als junger Bursche gelesen hatte. Nein, er hatte wahrlich nichts gegen Katzen. Jedenfalls nicht solange, bis sich Missis Wang eine zum Kuscheln zugelegt hatte.
Ein hinterlistiges und übellauniges Vieh; verschlagen, faul und verfressen. Mit der Zeit war es immer fetter geworden und würgte mit regelmäßiger Häufigkeit widerliche Haarbällchen aus. Meister Wang stutzte. Erstaunlich, wie sehr das Tier doch seinem Frauchen glich.
Aber hier, hier dankte er allen Göttern für die Lösung seines aktuellen Entenproblems.
Kümmere Dich aufrichtig und ohne Hintergedanken um andere Menschen, und Du wirst schon bald davon profitieren. Denke daran, wenn Du vor der Entscheidung stehst, ob Du einem anderen helfen sollst.
Tse-Tang, der Ältere aus “Goldene Weisheiten des Sheng Fui”
Meister Wang und die Entstehung des Feng-Shuis: Teil 14
Meister Wang suchte verzweifelt nach einem Ausweg.
Wus Kellnerkompanie tischte in Windeseile alle Leckereien auf, die die weitläufige Speisekammer ihres Herrn und Meisters zu bieten hatte. Eine emsige Ameisenarmee, die nur darauf wartete, den freiwerdenden Platz an der riesigen Tafel unverzüglich mit neuen Leckerbissen aus Buddhas himmlischem Garstüblein zu füllen.
Wu hatte derweil lauthals lachend mit weitschweifigen Erzählungen aus der kaiserlichen Anekdotenschmiede begonnen, während seine elfenbeinernen Essstäbchen wie Baggerschaufeln in einem Steinbruch der altägyptischen Pharaonen arbeiteten.
Erstaunlich, dass ein Mann wie ein Wasserfall reden und gleichzeitig Nahrungsmengen vertilgen konnte, die jeden koreanischen Hufschmied beschämt hätten. Zwischendurch fand er noch die Zeit, seine ihn beidseitig flankierenden Konkubinen, die sich ebenfalls laut schmatzend durch die Speisefolge arbeiteten, väterlich auf die bestrapsten Schenkel zu tätscheln und Meister Wang lautstark schnaufend zu ermuntern, von den zahllosen Köstlichkeiten zu probieren, die bereits auf der kreisrunden Festtafel mit den Ausmaßen einer überdimensionierten Hochzeitsjurte ihren Platz gefunden hatten. Von allen gleichzeitig!
Obwohl Wang sein bescheiden-gieriges Antlitz aufgesetzt hatte, konnte er die überschäumende Begeisterung des kaiserlichen Beamten nicht teilen.
In seinem Bauch tobte „Mao’s“ Ente mit zunehmendem Ungestüm. Wahrscheinlich hatte es der Schlachter mit dem Zusatz „gut abgehangen“ etwas übertrieben, bevor das Tier am „Himmlischen Entenspieß“ gelandet war. Vielleicht nahm ihm die Ente auch nur die scharf gewürzte Kräutersoße aus dem letztwöchigen Aufguss übel, jedenfalls rumorte, tobte und gärte es in seinen Innereien, wie in einer tibetanischen Yakbullen-Mastanlage zur Fütterungszeit.
Apropos Yakbulle: Als Wu des nächsten Gerichts ansichtig wurde, ließ er ein anerkennendes Grunzen hören. Auch Wang konnte sich nicht erinnern, jemals ein so großes Gehänge an einem lebenden Exemplar gesehen zu haben.
Hier wurde allerdings keine Zeit verschwendet. Während Wang immer noch verschämt auf einem Bissen von etwas kaute, das einst der freischwingende Stolz eines langhaarigen Hochlandochsen gewesen war, rollte bereits die nächste Angriffswelle heran.
Meister Wang hatte jedoch im Gegensatz zu Wu und seinen freizügigen Honigtöpfchen – die er insgeheim Mai Ling und Bai Ling getauft hatte – keine Augen für das Dutzend flambierter Böcke der mongolischen Wüstenrennmaus. Vor seinem geistigen Auge erschien unvermittelt das Bild seiner geliebten Wärmflasche.
Wu vertilgte einstweilen ein ausgefallenes Arrangement knuspriger Schneeleopardenbiskuits in zarter Bambussprossensuppe. Wang dachte an Vitalpilze, Bachblüten und Heilsteine.
Wu begeisterte sich an einem Sixpack Frühlingsrollen, gefüllt mit würzigen Delikatessmaden. Wang dachte an Kamillentee und Abführmittel.
Wu klatschte in die Hände, als die nächste Delikatesse herein gewuchtet wurde. „Panda im Schlafrock“: Süße kleine Pandababies, die noch teilweise in ihren schwarz-weißen Fellchen steckten. Man konnte noch erahnen, wie die lieben Kleinen durch das Bambuswäldchen tollten, bevor sie Bekanntschaft mit der Keule des Jägers gemacht hatten. In Erinnerung an glücklichere Stunden hatte ihnen der Koch liebevoll ein Stückchen Bambusrohr in die lächelnden Mäulchen geschoben.
Wang nuckelte nur verschämt an einer feisten Windhundkeule und tat so, als lauschte er Wus unerschöpflichem Anekdotenvorrat. Am liebsten wäre er aufgesprungen und der verwünschten Ente, die seine Innereien unsicher machte, mit armlangen Akkupunkturnadeln zu Leibe gerückt.
Da wurde das nächste Gericht auf goldgewirktem Porzellan hereingebracht: Ente süß-sauer. Meister Wang erstarrte…
Meister Wang und die Entstehung des Feng-Shuis: Teil 13
Meister Wang war verdammt! Wie es sich für einen Mann von Rang mit repräsentativer Stadtvilla und eigener Sänfte gehörte, ließ Wu auch einen kleinen morgendlichen Begrüßungsimbiss für seinen ehrenwerten Besucher zu einem apokalyptischen Festmahl verkommen. Traditionell zeigte man auch im alten China aller Welt, was man hatte und Wu hatte in jedem Fall genug davon.
Zunächst schien er begierig zu sein, dem stadtbekannten Meister der Innenarchitektur die Leistungsfähigkeit seiner feudalen Großküche mit angeschlossener Speisekammer, die in ihrer monumentalen Umfänglichkeit jedem mongolischem Gourmetrestaurant zur Ehre gereicht hätte, zu zeigen.
Wang fühlte sich geschmeichelt. Unter anderen Umständen hätte er seine Dritten in die Köstlichkeiten geschlagen, bis die Haftcreme den Dienst versagte. Er hätte mit Wu um die Wette getafelt, um an dem unvermeidlichen Würgereiz in bester chinesischer Tradition durch eiliges Hinunterschlingen schnell noch ein halbes Schwein vorbei zu schmuggeln.
Aber das Schicksal war gegen ihn. Wang verfluchte die vermaledeite Ente im Fladenbrot nebst Kräutersoße, die er sich als bescheidenen Appetitanreger auf dem Weg zur reich gedeckten Beamtentafel gegönnt hatte.
Mittlerweile drückte und zwickte es in der Magengegend, als ob Missis Wang sich des Nachts wieder auf das bescheidene Fünftel des Bettes gewälzt hatte, auf dem er seinen Träumen nachhing. Nun gut, Wang verspürte noch keine vergleichbaren Todesängste, aber der Drang, sich zu einer kleinen, unscheinbaren Kugel zusammenzukrümmen und Augen und Ohren in der Hoffnung zu schließen, das Schicksal möge noch einmal gnädig mit ihm verfahren, war durchaus vorhanden.
Zu allem Überfluss ertönte urplötzlich ein verdächtiges Gluckern aus seinen Eingeweiden. Es klang, als ob die dreimal verfluchte Ente tief in seinem Bauch einen Badewannenstöpsel gefunden und kurzerhand gezogen hätte.
Angesichts dieser Misere war Meister Wang versucht,das prachtvoll dekorierte Esszimmer und die reich gedeckte Tafel, aus dem bereits die Vorsuppe aus gepressten Schildkrötenembryos vor sich hin dampfte, zu ignorieren und lediglich einen magenschonenden Tee zu ordern.
Aber Wu würde tödlich beleidigt sein, wenn sich sein Gast derart bescheiden zeigte. Beide würden ihr Gesicht verlieren und das Geschäft würde platzen. Mai Ling und Bai Ling schielten angesichts seines gebremsten Enthusiasmusses schon ganz misstrauisch zu ihm hinüber.
Nein, Meister Wang hatte keine Wahl, er musste sich durch das Büfett fressen, wie der neunköpfige Affe der Apokalypse. Komme was wolle, hier mussten Opfer gebracht werden und Meister Wang war durch jahrelange häusliche Übung an Schmerzen jeglicher Art gewöhnt.
Um alle Zweifel zu zerstreuen, ließ er, einem Kung-Fu-Kampfschrei vergleichbar, einen lauten und erwartungsvollen Rülpser ertönen.
Wer in sich geht, muss nicht automatisch zu sich kommen.
Tse-Tang, der Ältere aus “Goldene Weisheiten des Sheng Fui”